Luini ist nicht so gross, nicht so streng wissenschaftlich

Luini ist nicht so gross, nicht so streng wissenschaftlich, nicht so frei und kühn, wie da Vinci, oder er schwingt sich wenigstens selten zu so erhabenen und imponierenden Gestalten auf; dafür aber hat er einen unerschöpflichen Fund von Zartheit, von Heiterkeit und Innigkeit, dagegen hat er größere Leichtigkeit der Produktion, eine warme blühende Färbung voraus, und von Anmut und Gemüt, welche dem Beschauer die edelste Befriedigung und Beruhigung gewähren. So heißt es in Kugler’s Museum, und im Kunstblatte von Dr. Schorn lesen wir, dass Bernardino zu den alten Meistern gehöre, denen die Schönheit und Anmut offenbar geworden, ohne dass sie darum von der Einfalt und Naivität abgewichen, welche damals so häufig den Charakter des Künstlers und seiner Werke zugleich bezeichneten. Unter seinen Werken sind allerliebste geistliche Idyllen, zart, naiv und fromm. Die Urteile über diesen Künstler gehen so ziemlich auf das Gesagte hinaus; alle bewundern die einfache, kunstlose Grazie, das Großartige der Zeichnung , das nicht selten erfreut, so wie die Lieblichkeit seiner Färbung. Sie ist warm, und in den nackten Teilen durchschimmert gleichsam ein leichtes, warmes Blut, eine zarte Haut.

Am weitläufigsten verbreitet sich Lanzi über diesen Künstler, Vasari aber wusste wenig von ihm, und wohl desswegen blieb er

Längere Zeit in unverdienter Dunkelheit. Vasari spricht von seinen Gemälden in Sarono, und diese Bilder, deren wir schon oben erwähnten, sind von ausserordentlicher Schönheit; sie haben sich auch in der Farbe vollkommen gut erhalten, wie die meisten Gemälde des Luini. Vorzüglich reich in Erfindung, edel im Stil und zart gefühlt ist die Anbetung des Kindes von den Weisen, welche dem Heilande Geschenke bringen, prächtig gestochen von C. della Rocca. Ein anderes Bild daselbst, die Darstellung im Tempel, eine schöne, grossartige Composition, ist durch A. Ghiberti’s Stich bekannt, und das Gemälde mit Jesus im Tempel, eines der liebsten Bilder des Meisters, hat C. Rampoldi gestochen. Die Vermählung der Maria, ebenfalls ein berühmtes Bild in Sarono, hat 1822 derselbe Künstler durch den Stich vervielfältigt. Fünf Jahre früher (1520) malte er in S. Croce einige solcher Geschichten, zu Sarono aber übertraf er sich in Wiederholung dieser Bilder selbst. Diese Arbeiten, sagt Lanzi, gleichen zwar der Rafael’schen Behandlung am meisten, haben aber doch noch die kleinliche Umständlichkeit in den Spitzen, die Vergoldung in den Heiligenscheinen, das Ge- wöhnliche in den Tempelzicnungen, fast wie bei Mantegna und seinen Zeitgenossen, welches Alles Rafael ablegte, als er zu einem besseren Style schritt. Schon desswegen dürfte, nach Lanzi, der Künstler nicht in Rom gewesen sein, und nichts von dem Künst- ler jener Schule gesehen haben, sondern nur durch die Grund- sätze Leonardo’s und durch seinen eigenen Genius das geworden sein, was er war. Nach Lanzi’s Urtheil steht keiner dem da Vinci nahe, als Bernardino, denn er zeichnete und malte, und componirte sehr oft so übereinstimmend mit seinem Schulenhaupte, dass ausser Mailand viele seiner Gemälde für Vinci gelten. Ein solches Bild ist die Herodias in der Gallerie zu Florenz, die Madalena aus der Ambrosiana, die in Frankreich verloren ging, und der sein Lämmchen liebkusende Johannes daselbst. Lanzi spricht nur im Allgemeinen von Bildern dieses Künstlers, die er in italienischen Cafinetcn gesehen hatte, und hebt bloß einzelne hervor, wie eine Madonna, damals im Besitz des Fürsten Khevenhüller, ganz im Style Rafael’s, und dann erwähnt er noch zweier Kirchen- bilder, von denen das eine, der trunkene Noah in St. Barnabas, als eines der seltsamsten Werke des Künstlers gewiesen wird, und woran sich noch ein Überbleibsel der Weise des 15. Jahrhunderts offenbaret. Das andere, ein gegeiselter Christus in S. Giorgio, ist nach Lanzi ein Bild, wie man den Erlöser nie liebenswerder, demüthiger und mit frömmerem Gesichte dargestellt gesehen hat. Nach den fleissigen Cabinetsbildern in vornehmen Häusern zu ur- theilen, gab es damals einige Künstler, die so viel leisteten, als Luini, und dazu kommt dann noch die bedeutende Anzahl von Frescomalereien, in deren Ausführung es ihm sehr von statten ging. So malte er die Dornenkrönung im Collegio del S. Sepolcro, ein figurenreiches Bild, in 38 Tagen, ohne die elf, welche einer seiner Gesellen darauf verwendete. Dieses Gemälde ist wohl neben jede Composition grosser Meister zu stellen, und es ist ein neuer Beweis, wie bei Luini die Phantasie weniger mächtig war, als das Gefühl des individuellen Lebens, welches er mit einer Leichtigkeit und Anmuth, und dennoch mit so gemüthvollem Ernste, wie nur Raphael und Leonardo wiedergab.

Merkwürdig sind seine Fresco-Malereien im Franziskaner-Kloster degli Angeli zu Lugano, die Kühlen im Kunstblatte von 1822 beschreibt, aber Lanzi nicht. In der Kirche malte er 152 die Kreuzigung und Passionen, über 80 Figuren. Die Stärke un

Schönheit der Farben hat verloren, doch ist das Ganze, einige
Stellen ausgenommen, noch wohl erhalten, von angenehmer Har-
monie. Diese Gemälde sollen die berühmteren und bekannteren
in Sarono und in Mailand noch weit übertreffen. Im Refectorium
malte er das Abendmahl auf die Wand, lebensgrosse Figuren. Die-
ses Bild enthält viele Schönheiten, aber auch viele Reminiscenzen
aus dem seines Meisters Leonardo. Eine Madonna, Halbfigur,
links der kleine Johannes, über der Thüre des Refectoriums, wett-
eifert mit Rafael’s Madonnenbildern. Dieses Bild ist ganz gut er-
halten, ausserordentlich kräftig, schön und warm von Färbung.
Die Verzierungen um dieselbe sind von Aurelio Luini gemalt. Von
den Bildern in Lugano hat C. Artaria die Madonna mit dem Jesus-
kinde und Johannes gestochen,

Bernardino malte auch im Monasterio Maggiore zu Mailand, in
mehreren Kirchen am Lago Maggiore, und anderwärts, häufiger
aber bediente er sich bei solchen Arbeiten der Gesellen, von denen
das minder Gute herrühren mag.

Unter den Bildern in den Kirchen zu Mailand rühmt Fiorillo –
die Anbetung der Könige in St. Eustorgio als eines der Meister-
stücke dieses Künstlers. In der Brera daselbst ist ein aus der Mauer
gesägtes herrliches Frescogemälde mit Maria auf dem Throne sitzend,
neben ihr St. Anton und Barbara, unten ein Engel, der die Zither
spielt, bekannt durch M.: Bisi’s herrliches Blatt. Ein zweites Bild
derselben Sammlung, die Herodias, wie sie das Haupt des Täu-
fers emerft, hat G. Garavaglia gestochen. Den kleinen Johan-
nes und die Magdalena auf der Ambrosiana in Mailand haben wir
oben erwähnt, und fügen daher nur bei, dass sich daselbst auch
zwei Frescogemälde mit der Geisslung und Verspottung, und eine
bedeutende Anzahl von Studienköpfen von Luini befinden. Den
Johannes mit dem Lamme, das er liebkoset, hat G. Geniani gesto-
chen und P. Anderloni das Blatt vollendet. Das Urbild dazu ist
indessen nicht jenes der Ambrosiana, sondern es wird in der Sam-
mlung Jung Passalacqua aufbewahrt. Denselben Gegenstand, aber
nach einem andern Bilde mit einiger Abänderung hat C. Müller gesto-
chen, so wie Oberthür. In der Sammlung Gozzi zu Mailand ist
die Geburt Christi mit Maria, wie sie mit zwei Engeln das Kind
anbetet, und dieses liebliche Bild ist uns durch den Stich der C.
Piotti bekannt.

In St. Maria delle Grazie zu Mailand befindet sich am Eingange
der Kapelle vom Hochaltar am Empor eine thronende Madonna,
als Fresco gemalt. In St. Ambrogio in eben dieser Stadt sieht man
in einer Seitenkapelle von ihm zwei Frescogemälde: den Kampf
und das Ende des heil. Georg vorstellend. Im Palaste des Duca
Litta sind sechs ausgesägte Frescobilder von diesem Meister.

In der Gallerie Melzi zu Mailand waren zwei grosse Gemälde
von 1526, von denen das eine die heil. Jungfrau in einer Land-
schaft vorstellt, zu ihren Füssen ein Engelchen, St. Martin, wie
er dem Armen einen Mantelflügel reicht, den heil. Stephan und
oben Gottvater. Das andere zeigt ebenfalls die heil. Jungfrau vor,
mit einem Bischofe, der für einen vor ihr knieenden Armen Hülfe
sucht. Daselbst war auch eine Krippe, die lebensgrosse Gestalt
des heil. Rochus mit einem Engel, in der Kirche der Brera in Porta
Nuova zu Mailand von der Mauer abgenommen und auf Leinwand
gezogen, wie das Bild der heil. Jungfrau daselbst St. Agatha mit
einer Palme, die Anbetung der Hirten mit 16 Figuren, u. s. w.

Aurelio Luini.

Oratorium St. Michele in Porta Nuova und von Torri beschrieben; die Halbfiguren der Martha und Maria Magdalena, und vier kleine Bilder, neben andern aus Luini’s Schule.

In der verlassenen Certosa bei Pavia ist ein schönes Marienbild mit dem Kinde, das eine Nelke bricht, Frescogemälde in einem Rahmen. An der Pforte dieser Carthause malte er einen colossalen Christoph, ein bedeutsames Bild.

Im Museo Borbonico zu Neapel ist ein treffliches Bild der Ma- donna mit dem Kinde, und zwei Anbetungen des Kindes. In einem der Gemächer des Prinzen Leopold Aase selbst ist eine Geburt Christi, ein Werk, das der Meister kaum jemals schöner gemalt hat.

Trefflich ist auch die Madonna mit dem Kinde und die heil. Anna in der florentinischen Gallerie. Dieses Bild ist nach Art eines Frescogemäldes behandelt.

Auch in England sind verschiedene Bilder von Luini.

In der Nationalgalerie ist Christus von vier Schriftgelehrten um- geben, halbe Figuren, dort dem L. da Vinci zugeschrieben. Dr. Waagen, Kunstwerke etc., in England I. 185. vindicirt dieses Bild dem Luini, da ihn mehrere Gründe zu dieser Annahme bestimmen. In der Bridgewater Gallerie ist ein schöner weiblicher Kopf, von der Gallerie Orleans her noch da Vinci genannt. Bei E. Solly in London ist ein Altarbild aus der Cathedrale in Como, welches zu den schönsten Werken gehört. Es stellt das auf dem Schoosse der Mutter stehende Kind vor, wie sich dieses gegen den an einem Baum gefesselten Sebastian wendet; gegenüber ist St. Rochus, 7 F. hoch, 5 F. breit. Die Maria ist hier von seltener Schönheit und Milde des Charakters, so auch das Kind. Lord Ashburton schreibt ihm in seiner Sammlung eine Madonna mit dem Kinde zu, Waagen möchte aber das Bild dem M. d’Oggiome vindiciren.

Im k. Museum zu Paris, wo ehemals so viele Bilder von Luini waren, ist noch eine heil. Familie, wo das Jesuskind den Arm um den Hals der Mutter legt, und Joseph mit dem Stocke in Be- trachtung dasteht.

In der k. k. Gallerie zu Wien ist ein schönes Bild der Herodias, wie sie vom Henker das Haupt des Täufers empfängt. In der gräflich Thurn’schen Gallerie daselbst ist eine Madonna mit dem Kinde, und in der Esterhazy’schen Sammlung die heil. Jungfrau mit dem Kinde, der heil. Elisabeth und dem kleinen Johannes, ein anmu- thiges Bild.

In der k. Pinakothek zu München ist sein Werk die heil. Catha- rına mit dem Marterzeichen, die heil. Jungfrau, die dem Kinde die Brust reicht, und die heil. Jungfrau mit dem Kinde auf dem Schoosse, dem Johannes eine Blume reicht. Dieses Bild und die heil. Catharina sind durch Lithographien bekannt. In der her- zoglich Leuchtenbergischen Gallerie daselbst ist von Luini der hl. Hieronymus in der Einöde, und die heil. Jungfrau mit dem Kinde, welches eine Nelke hält;

Aurelio Luini, Maler und Sohn des Obigen, aber nicht von gleichem Verdienste. Seiner erwähnt 1584 Lomazzo ehrenvoll. Er rühmt ihn wegen seiner Kenntnisse in der Anatomie, seiner Landschaften und Perspektive. In seinem Trattato della pittura nennt er den Aurelio als den Besten der damaligen Mailänder, welcher Polidoro’s Styl glücklich nacheiferte; Bei dieser Gelegen-

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