Lippi, Fra Filippo

Lippi, Fra Filippo, Maler, und einer der berühmtesten, welche
um die Mitte des 15. Jahrhunderts lebten. Er wurde um 1400 zu
Florenz geboren, und schon als Kind wurde er dem Carmeliter-
Orden einverleibt. Er trug das klösterliche Gewand, doch mochte
er der Welt und ihren Freuden nicht entsagen, und sein Leben
war voll mannigfaltiger Ereignisse. Im 17. Jahr trug es ihn in die
Welt hinaus, doch bald erwarteten ihn neue Fesseln. Als er sich
nämlich mit einigen Freunden an der See ergötzte, wurden sie
plötzlich von Seeräubern überfallen und als Sklaven nach der Ber-
Eerei geführt. Achtzehn Monate trug er hier die Kette, bis er
einst seinen Herrn mit der Kohle so geschickt auf die Wand
zeichnete, dass dieser ihn freiließ, und nachdem er ihm noch
mehreres gemalt, reichlich beschenkt heim sandte. Aber auch die
ganze Folgezeit seines Lebens liefert Stoff zu einem Roman , da
er fortwährend in Liebesabenteuern verwickelt war. Der Groß-
herzog Cosmus, für den er arbeiten sollte, musste ihn zuletzt ein-
sperren, weil er lieber den Weibern nachrannte, als malte, aber
nach ein paar Tagen ließ er sich an seinen zerschnittenen Bett-
tüchern zum Fenster herunter. Aus dem Margarethenkloster zu Prato
entführte er die Lucretia Bruti, eine florentinische Bürgertochter,
und mit dieser lebte er lange zusammen. Ein Sohn, der aus die-

sein Verhältnisse entsprang, wurde nachmals ebenfalls ein berühmter Maler, Filippino genannt. Dieses Verhältnis gab die Veranlassung zu seinem gewaltsamen Tode durch heimliche Vergiftung von Seite der Verwandten jenes Mädchens. Er starb in Spoleto, und das Carmeliterverzeichnis meldet beim Jahre 1460 seinen Tod. Lorenzo de’ Medici liess ihm daselbst im Dome ein schönes Monument setzen, und Angelo Poliziano fertigte die Grabschrift.

Fra Filippo trug das Ordenskleid, wie Angelico da Fiesole; bildet aber gegen diesen den vollsten Gegensatz. Angelico schwebt nur in höheren Regionen, er schuf himmlische Gestalten, Filippo aber hing den irdischen Freuden nach, und dieses Gefühl spricht sich auch in seinen Gemälden aus, selbst wenn er heilige Gegenstände malte. Er malte liebevoll zärtliche Gemütszustände; sein Ausdruck ist jener einer weichen Sinnlichkeit, und zuweilen kann man ihn auch derb und gemein nennen, was nicht immer zur Zierlichkeit seiner Aufgabe stimmt. Nur in seinen größeren Freskomalereien, wo der Gegenstand häufig Handlung und entschlossenes Wirken begehrte, erwachte seine Seele, und dann findet Rumohr (Ital. Forsch. II. 206) diese Derbheit unter allen Umständen mehr an ihrer Stelle. Er ist Masaccio’s Nachfolger, wund dessen Meister copirte er anfangs fleißig und mit Glück, so dass er oft ein neuer Masaccio schien, besonders in kleinen historischen Gemälden, wie Lanzi bemerkt. Auch bei ihm trat das Streben nach charakteristischer Darstellung hervor, doch erreichte er jene Lebenswahrheit, welche in späteren Werken Masaccio’s so kommen erscheint, nicht in dem Grade, was auch in Buonarotti die so vollkommen ausgebildete Individualität und Kraft der Gestalten der Fall ist. Zuweilen neigt sich Fra Filippo bis an die Grenzen des Manierismus, wie in den Gemälden von St. Maria Novella zu Florenz. Dennoch ist Lippi zu den geistreichsten Nachfolgern des Masaccio zu zählen, und seiner Ungleichheiten ungeachtet, war er bisweilen vortrefflich, nach Rumohr (l. c.) unter allen Umständen seit Angelico unter den florentinischen Malern der erste, welcher es gewagt, über das sinnlich Vorliegende hinauszuschreiten, und seiner eigenthümlichen Empfindung ihren Lauf zu geben. Freilich gränzte diese, fährt Rumohr fort, nicht selten an das Grenzenliche, doch war es eben damals an der Zeit, den florentinischen Maler, der meist bei der Charakteristik des Einzelnen verweilenden Maler, ein wesentliches Element des malerischen Ausdruckes, die Hastung und den Affekt in Erinnerung zu bringen. Dann rühmt auch den trefflichen Styl der Gewandung. Hierin liebte er das gräfältelte, hemdartige Krause, immer aber verfuhr er auf wohlgeformte Weise.

Gemälde von diesem Künstler, die schon Vasari bewunderte, und in welchen er in schönem Lichte erscheint, sind 10 der Chorstickel der Pfarrkirche zu Prato. Er malte da Darstellungen aus der Lebensgeschichte des heil. Stephan und des Täufers Johannes, und in diesen Bildern entwickelte er eine ungewöhnliche Energie der Handlung und des Affektes, wie Rumohr sagt. In der Begebenheit, welche Vasari die Disputa nennt, begleitet diese Stärke eine Maßigung und schöne Anordnung. In dieser Kirche ist auch eine Tafel mit dem Tode des heil. Bernhard, deren wesentlichste Verdienste von Rumohr im richtigen Ausdrucke starker und männlicher Affekte erkennt. Andere schon von Vasari ausgezeichnete Bilder in Prato, der Ceppo di S. Francesco di Marco, die Tafel zu S. Margheritta, zu Rumohr’s Zeit in der Wohnung des Kanzlers der Orschalt, und gestochen von Lisinio, geben nach der Ansicht

des Verfassers über die italienischen Forschungen über Lippi’s Leistungen hinaus.

In der florentinischen Sammlung befinden sich mehrere Staffel-
eimälde von Lippi. S. unten die Gemälde des Museums in Ber-
lin. Andere sind in der Kirche S. Maria Novella, in der Sakristei
von S. Spirito, in S. Ambrogio und in S. Lorenzo zu Florenz.
Die Heilung der Kranken durch Petrus und Johannes, die Taufe
und Predigt des heil. Petrus, vier Freskogemälde bei dem Carmeli-
tern zu Florenz sind von Lasinio gestochen.

Eines seiner besten Staffeleibilder befindet sich zu Pistoia im Hause
des Cav. Bracciolini, dem Erben des Hauses und der Capelle Bel-
lucci, für welche, nach Vasari, dieses Bild gemalt wurde.

Zu Rom sieht man in der Capelle der Familie Caraffa in S. Ma-
na sopra Minerva Bilder von ihm.

In dem Bibliothekgebäude (gli studj) zu Neapel ist von Fra Fi-
lippo ein treffliches Bild der Anbetung der Könige.

Seine letzten Gemälde hinterließ er in der Tribune des Domes
zu Spoleto, und da war Fra Diamante sein Gehülfe. Er malte
die Verkündigung, die Anbetung der Hirten, den Tod und die
Himmelfahrt der Maria, oder vielmehr die Krönung derselben
von dem Vater. Diese anscheinlich, sehr rüstigen Malereien
sind von fremder Hand übermalt worden, und das besterhaltene
ist noch die Krönung Mariä.

Auch in auswärtigen Gallerien sind Bilder von diesem Künstler,
namentlich im k. Museum zu Berlin. Da sieht man zwei Madon-
nen, Bilder von seltener Anmut, die eine träumerisch, die andere
frei nachdenklich vor sich hinblickend. Das kirchlich Feier-
liche, welches in früheren Darstellungen vorzuherrschen pflegt,
hat hier bereits der Naivetät des Lebens Platz gemacht: Die Bil-
der des Museums bezeichnet Dr. Kugler in der Beschreibung des-
selben S. 29, und besonders rühmt er ein drittes, welches die
Maria in einer fröhlichen Waldlandschaft vorstellt, wie sie das
in Blumen liegende Kind anbetet. Zur Seite ist der kleine Johannes,
weiter zurück St. Bernhard, in der Höhe Gott Vater, welcher den
hl. Geist in einem wundersamen, goldglänzenden Flammenregen her-
absendet. Es ist, sagt Dr. Kugler, der geheimnisvolle Geist der
Natur, welcher in diesem Bilde zuerst Sprache gewinnt. Die Ge-
berde des Kindes, welches, der Mutter entgegen gewandt, die Lippe
mit dem Finger berührt; kehrt, nach Kugler’s Bemerkung, von
dieser Zeit an häufig in der italienischen Kunst wieder; sie deutet,
in einer kindlich zarten Symbolik, darauf hin, dass das Christus-
kind das „Wort“ ist. Eine Wiederholung dieses Bildes von
Fra Filippo’s Hand befindet sich in der Akademie zu Florenz und
bezogt das eigene Interesse des Künstlers für die anmutvolle,
seinen Zeitgenossen so gänzlich neue Composition. Ein viertes,
prächtigeres Bild, stellt die Maria als Mutter der Gnaden, und
unter ihrem weit ausgebreiteten Mantel eine zahlreiche Menge kniend
Anbetender dar. Hier tritt, trotz der mannigfach charakteristischen
Röpfe, die gemeinere Auffassung schon augenscheinlich hervor. Ähn-
liche Auffassung bemerkt man in einem fünften Bilde mit dem heil.
Franz, welcher der heil. Clara mit ihren Nonnen ein Buch überreicht.
Der weibliche Ausdruck in den Köpfen hat etwas Naives, klösterlich
Gemütliches.

Auch in der k. Pinakothek zu München sind zwei liebliche Bil-
der von Filippo: Der englische Gruß in einem Prachtgebäude mit
der Aussicht auf einen Garten, lebensgroße Figuren; die Maria

mit dem Jesuskinde auf dem Schoosse, von großer Zartheit des Ausdruckes; im Grunde Landschaft,

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