Lichini, Giovanni Antonio

Lichini, Giovanni Antonio, Historienmaler , der unter dem Namen Pordenone bekannter ist. Diesen Namen führt er vorzugsweise.

In seiner Geburtsstadt in Friaul , und die Veranlassung zu dieser Um- tauschung war sein Bruder, der ihn an der Hand verwundete,
was Giovannantonio so schwer nahm, dass er von nun an jedem
Familiennamen entsagte, und sich Regillo da Pordenone nannte.
Früher schrieb er sich Sacchiense oder Cuticello, aber im eigen-
händigen Testamente seines Vaters steht als Namen des letzteren:
Angelus de Lodesanis de Corticellis. Das Licht der Welt erblickte
er , die Angaben über seine Jugendbildung sind aber schwan-
kend. Einige glaubten, er habe Castelfranco’s Schule besucht;
dieses ist aber nach Lanzi’s Behauptung noch weniger richtig, als
wenn Rinaldi sagt, Pordenone sei bei Giov. Bellini Castelfranco’s
und Titian’s Mitschüler gewesen. Lanzi stimmt der Ansicht des
Ridolfi, als der wahrscheinlicheren, bei, und nach dieser soll er
in Udine nach Pellegrino sich gebildet, dann sich auf Giorgione’s
Styl verlegt haben; jedoch von seinem Sinne geleitet. Die übrigen
Nachfolger Giorgione’s glichen diesem mehr oder weniger im Styl,
Pordenone aber auch an Feuer, Entschlossenheit und Grösse der
Szene, wie keiner in der Venediger Schule. Auch Vasari setzte
diesen Künstler hoch an; er erklärt ihn unter den damals in Friaul
lebenden trefflichen Malern als den seltensten und befähmtesten,
weil er die Vorgänger an Erfindung, Zeichnung, Tüchtigkeit, Ver-
ständnis der Farben, Wandmalerei, Geschwindigkeit, grosser Run-
dung und anderen Theilen der Malerei übertroffen hatte. Und so
fehlt es auch in der späteren Zeit nicht an günstigen Urtheilen
über diesen Künstler, von Lanzi und Fiorillo bis zu Dr. F. Kug-
ler. Er wird öfter mit Titian zusammengestellt, und Fiorillo be-
hauptet auch, Pordenone habe jenen Meister in der Farbengebung,
in der vortrefflichen Wahl der Tinten und im Pinselstriche nicht
selten erreicht, nur in der Kunst, die Figuren zu beseelen, über
dem Fleische einen lebendigen Hauch schweben zu lassen, behaup-
tet Titian immer den Vorzug. Auch Kugler erklärt den Licinio
unter den Künstlern der venetianischen Schule, die in eigenthüm-
licher Ausbildung neben Titian stehen, als einen der bedeutend-
sten, da Pordenone sich durch ein glückliches Streben nach Cha-
rakteristik auszeichnete, und mit den Farbentönen der Venetianer
zugleich eine weichgeschmolzene Modellirung zu verbinden weiß,
die an die Richtung der lombardischen Schule erinnert. Titian
war diesem Künstler ein beständiger Sporn zu Tüchtigkeit; er suchte
eifrig Gelegenheit mit jenem Meister in Concurrenz zu treten. Er
arbeitete mit diesem Meister den grossen Saal der Pregadi in Vene-
dig zu solcher Zufriedenheit, dass Pordenone ein Jahrgeld erhielt.
Es war ihm nichts lieber, als neben Titian selbst, oder doch
da zu malen, wo jener gemalt hatte. Diese Emulation scheint in
eine wirkliche Feindschaft ausgeartet zu sein, und Licinio fand
es zuweilen geraten, bei solcher Gelegenheit mit den Waffen an
der Seite zu malen. Der Eine überbot den Anderen an Kraft oder
Anmuth, oder, wie Zanetti sich ausdrückt, in Titian war mehr
Natur als Kunst, in Pordenone waren Natur und Kunst gleich.
Einige seiner Landsleute zogen ihn sogar dem Titian vor; Lanzi
bestätigt richtiger das Lob dahin, dass jener Wetteifer den Ruhm
Pordenone’s nicht wenig gefördert habe, und er sichert ihm in der
venediger Schule wenigstens den zweiten Rang in einer an treff-
lichen Künstlern so fruchtbaren Zeit zu. Die Ursache, dass Por-
denone der Menge so sehr gefiel, findet Lanzi in der grossen Wir-
kung und im Zauber des Helldunkels, worin er Guercino’s Vor-
läufer war.

Licinio ward auch von Karl V. geehrt und zum Ritter gemacht.
Herkules III. berief ihn an seinen Hof in Ferrara, um, wie Vasari

mehr, so wie im Palazzo Doria zu Genua, in der Kirche

ist, so kann das oben erwähnte Bild nur unbestimmt ein

Licinio, Giovanni Antonio.

sagt, Cartons für die Teppiche zu fertigen, welche der Heilige

für den Dom machen ließ. Vasari behauptet, es hätten sich da

keine guten Zeichner für Kriegsgegenstände gefunden, wie

die beiden Dossi diese Cartons gefertigt haben sollen. Was

scheint hier keinen Glauben zu verdienen, und auch dieser

Pordenone sei bald nach seiner Ankunft in Ferrara an Gottes

heil. Rocchus, im Stephanskloster und in St. Maria dell‘

Venedig sind Werke von ihm. In letzterer Kirche ist das Bild

heil. Lorenz Giustiniani, vom Heiligen umgeben, unter

der Tüüfer Johannes ein Nacktes darbietet, das einem Titian

macht, und St. Augustin seinen Arm aus dem Gemälde zu

scheint, ein perspektivisches Kunststück, dessen Pordenone

nicht machte. Dieses Gemälde musste unter Napoleon die Reise

nach Paris machen. A. Zucchi hat dieses Werk gestochen und

XI. 99 selbes umrissen.

In der Gallerie Manfrin zu Venedig ist das selbstgemälde

niss des Künstlers mit seinen Söhnen, ein ausgezeichnetes

In der Florentinischen Gallerie ist ebenfalls das Bild des

Künstlers, von P. A. Pazzi gestochen.

In St. Maria di Campana zu Piacenza sind Darstellungen

dem alten Testamente, durch O. Gaddi’s Stiche bekannt. Ein

Bild in Piacenza ist jenes der Verlobung der heil. Katharina,

Figuren, die auf dunklem Grunde lebendig hervortreten,

Gerühmt wird auch ein Staffeleibild der Erweckung des

beim Grafen Lecchi zu Brescia.

Ein berühmtes Bild der Verkündigung Mariä ist in St.

Martyr zu Udine.

In der Kirche des heil. Marcus in Pordenone stellt ein

Bild die heil. Jungfrau vor, wie sie schirmend ihren Mantel

zwei Männer und zwei Frauen ausbreitet, während Joseph

endlicher Zärtlichkeit das Jesuskind auf den Armen wiegt.

St. Christoph ist auf diesem Gemälde zu sehen. Lanzi nennt

eine heil. Familie mit St. Christoph, als in der Collegiatkirche

findlich, wenn aber hier von einer und derselben Kirche die

Familie genannt werden. Ein zweites Bild dieser Collegiatkirche

stellt den heil. Markus vor, wie er einen Priester weiht,

anderen Heiligen. Dann hat die St. Marcuskirche, die wohl

der Collegiatkirche dieselbe ist, noch andere Bilder von Pordenone

hinter dem Hauptaltare ein Fresco-Gemälde, ferner St. Rocchus

St. Erasmus; über der Thüre einen Papst, St. Sebastian und einen

Leiter in rotem Kleide, eine kühne Gestalt von trefflicher

Gestalt.

Wir wissen nicht, ob dieses der Gegenstand jenes Bildes

welches neben der Verkündigten oben Gott Vater mit Christus

und links einen gewappneten Engel vorstellt. Es ist bezeichnet

Hanc Pordenone J. Lycinius excud., Fabio Vo. fec. Dieses Blatt

selten, in der Weise des J. Sanuti, gr. rov. fol.

In Rom sind wenige Werke von diesem großen Meister. In der Sammlung des Cardinals Fesch sieht man ein ausgezeichnetes Bild, welches die heil. Jungfrau mit vier Kirchenlehrern vorstellt.

Im k. französischen Cabinet ist eine Darstellung des heil. Petrus und ein Bildnis, von welchem Wattelet sagt, dass sie allein hin- reichen, den freien Pinselstrich, den schönen Charakter seiner Zeichnung und die große Wirkung kennen zu lernen, welche der Künstler in seine Gemälde zu bringen wusste.

In England sind mehrere Bilder von Pordenone, deren Dr. Waagen erwähnt:

Im Schlosse zu Hampton-court ist das Bildnis des Malers und der Familie, ein großes, reiches Bild, edel und fein aufge- legt.

In der Bildersammlung des Sir Abraham Hume ist das Bildnis eines Mannes mit aufgeschlagenem Notenbuch, höchst energisch und großartig in der Auffassung, bezeichnet: MDXXIIII. Anno Aetatis LV. P. Lycini P. Dieses Bild wird irrig für Luther gehalten. Das Bild eines aus einem Glase trinkenden Mannes mit der Agnette ist durch die erstaunliche Lebendigkeit und die Sättigung des warmen Tons von wunderbarem Reiz. Die Hände sind nur zu erkennen. Daselbst ist auch das Bildnis eines Mannes, welcher auf eine Brüstung lehnt, von feiner Auffassung, im hellen, klaren Goldton.

In Staffordhouse ist die Ehebrecherin vor Christus, lebensgroße Figuren,

Der Christus zu Corshamhouse, der dem Pordenone beigelegt wird, scheint Waagen eher ein fleißiges Bild des Spagnoletto zu sein, und das dort für Titian gehaltene Bild der Maria mit dem Kinde, welches die Monstranz hält, dabei Johannes mit dem Lamme und drei andern lebensgroßen Figuren, hält er für ein Hauptwerk Licinio’s. Es hat nicht die dem Titian eigene Klarheit des Tons, aber etwas Edleres in der Auffassung.

In der Sammlung zu Alton Tower ist der Tod des Petrus Martyr, durch Composition, Adel der Charaktere, Wärme des Tons sehr ausgezeichnet.

In der Gallerie des Burleighhouse sieht man die Findung Mosis mit lebensgroßen Figuren, ein Hauptwerk Pordenone’s, nach Waa- gen irrig dem Titian beigelegt. Die daselbst befindliche Anbetung der Könige hat ebenfalls lebensgroße Figuren, ein reiches, treffliches Bild, und Dr. Waagen glaubt, keine ihm bekannte andere Gallerie hat zwei solche Werke von Licinio aufzuweisen. Letzteres gilt in England irrig für Bassano.

In der Sammlung Carl I. waren folgende Bilder: Salomon opfert den Götzen; Familiengemälde mit mehreren Figuren, vielleicht jenes in Hampton-court; das Bildnis des Künstlers mit der Laute; ein berauschter Satyr tanzend, dabei ein junger Faun.

In der in England verkauften Gallerie Orleans war Herkules mit Antäns, und die Judith. Ersteres kam in den Besitz des Grafen Amby, letzteres in jenen des Marquis v. Landsdowne, und gest. von Ketterlinus. Die Ehebrecherin vor Christus, aus derselben Gallerie, hat Marchand gestochen.

In der k. Eremitage zu St. Petersburg ist die Ehebrecherin vor Christus, ein meisterhaftes Kniestück; das Bildnis eines Mannes, und ein Gemälde mit vier bildnissartig gehaltenen Brustbildern.

Frühere Verzeichnisse der Eremitage nennen noch: das Abendaal! Herkules im Garten der Hesperiden; derselbe, wie er dem Caa die Ochsen abnimmt. Die ersteren dieser erwähnten Bilder an früher in Hougtonhall, neben einer Darstellung des verlq Sohnes. |

Das Kleinod der Gallerie des Belvedere in Wien ist die { Justina, zu deren Füssen ein Mann in schwarzer Kleidung k ein Votivgemälde Alfons I. von Este, dessen Bildnis der kzit

  • Mann ist. Es geht auch die Sage, die Heilige sei seine Gehä und heimlich zur linken Hand getraute dritte Gemahlin Lauraj stachia, die wunderschöne Bürgerstochter aus Ferrara; Marüsi dann Rahl haben dieses Bild gestochen. Aus der Brüsseler Gl kam das Begräbniss Christi ‘nach Wien, in Teniers Werk W Troyen gestochen.

Im k. Museum zu Berlin ist ein bedeutsames Bild aus der Jerie Giustiniani, welches die Anklage der Ehebrecherin vori Halbfiguren mit höchst charaktervollen, warm und lebendig e8 ten Köpfen. Ein zweites Gemälde stellt eine Madonna mit } gen und mehreren Engelknaben vor, weich und schön @ doch ist das Bild ohne eigentlichen Adel. Sehr anmuthig «a# Christkind und die Engel.,

In der k. Pinakothek zu München ist eine Gesellschaft, «# sich mit Musik unterhält, halbe lebensgrosse Figuren, im G des Künstlers eigenes Bildniss. Es ist Eieses ein höchst audul® volles , meisterhaftes Bıld. P}

In der k. Gallerie zu Dresden ist das treffliche Bild da 3 thäus, welchen der Herr zum Apostelamte beruft, und dı 5 figur einer jungen Dame mit auf dem Scheitel geknüpfien Ha

Mehrere Werke dieses Künstlers sind durch Stiche bek:nn‘£.„d A. Lorenzini, J. Piccino, O. Gaddi, E. Fialetti, N. Boldrm, 8 Licinio u. a. Einige Blätter haben wir bereits erwähnt.

Vorsicht

Diese Seite wurde maschinell erstellt. Die Zuverlässigkeit der OCR ist durch die Qualität der Scans, der Software und des Workflows zwangsläufig beschränkt. Eine menschliche Korrektur und Redaktion fand nicht statt.

Das Ziel dieser Seite ist es, die gezeigten Resourcen einfach zugänglich zu machen. Für Zitate und eine direkte Nutzung sind sie nicht ausreichend. Hierfür ist notwendigerweise das originale Quellenmaterial hinzuzuziehen.

Der zugrundeliegende Scan ist hier zu finden https://archive.org/details/bub_gb_QFMTunOF6koC