Lawrence, Thomas

Lawrence, Thomas, berühmter Portraitmaler, geb. zu Bristol 1760, gest. zu London 1830. Sein Vater Thomas war anfänglich Steuer- beamter, übernahm aber bald nach der Geburt seines zweiten Sohnes Thomas die Wirthschaft zum weißen Löwen zu Bristol und im Jahre 1772 die zum schwarzen Bären zu Devizes . Schon früh zeigte Thomas seltene Anlagen; als Knabe von fünf Jahren zeichnete er die Bildnisse des Lord Kenyon und seiner Gemahlin sehr ähnlich, während beide auf einer Reise nach Bath in dem schwarzen Bären übernachteten.

Mit dem sechsten Jahre wurde Lawrence einem gewissen Jones zu Fort, bei Bristol, zum Unterricht übergeben; er verließ aber, kaum acht Jahre alt, diese Schule wieder, und erhielt fortan, mit Ausnahme der Anweisungen, die ihm sein Vater im Lesen und Deklamieren gab, und weniger Lektionen im Lateinischen und Fran- zösischen, keinen Unterricht mehr. Acht Jahre alt, sah er in

Richam House das erste gute Gemälde: Die Gesellschaft liess sich durch die Gemächer führen und vergass des Knaben gänzlich, und als man ihn suchte, fand man ihn vor einem Gemälde von Rubens wie festgewurzelt: „Ach, ich werde nie im Stande seyn,

Nagler’s Künstler-Lex. VII. B 3

etwas Ähnliches zu machen!“ sagte er, als man ihn aus dem Ge-

mache brachte. In seinem zehnten Jahre begann er, ohne eine bekannte Anre-

gung von Aussen, Gegenstände aus der heiligen Schrift zu be-

malen. Er malte Christus, wie er Petrus tadelte, ihn vor Pilatus

verleugnet zu haben, und Ruben, wie er den Vater bat, Benjamin

mit den Brüdern nach Aegypten ziehen zu lassen. Durch diese

Versuche ermutigt, wählte er zum nächsten Gegenstand „Haman

und Mardochai“, und vollendete das Gemälde in kurzer Zeit. Der

Ruf des jungen Künstlers verbreitete sich im Kreise der reichen

Familien von Wiltshire und den benachbarten Grafschaften, und

er durfte die Landsitze des Grafen von Pembroke und anderer

Edelleute besuchen, da sie im Besitze von Gemäldegallerien waren.

Daines Barington sagt in seinen Miscellanies: „Da ich so vieler

Beispiele von früher Geistesreife gedacht habe, so darf ich auch

einen Maler Lawrence nicht übergehen, den Sohn eines Gastwirts

zu Devizes in Wiltshire. Dieser Knabe ist jetzt (1780) ge-

nau zehn und ein halbes Jahr alt, aber schon in seinem neunten

Jahre kopierte er, ohne die geringste Anleitung von irgend jemand,

historische Gemälde in einem meisterhaften Stil; auch war er un-

gemein glücklich in eigenen Compositionen, besonders in der Ver-

klärung Christi durch Petrus. Es missglückt ihm selten, in sieben

Minuten ein sehr ähnliches Portrait mit ziemlich viel Freiheit und

Anmut zu zeichnen.“ Auch liest er reimlose Verse vortrefflich und

man überzeugt sich leicht, dass er anziehende Stellen aus Milton

und Shakespeare versteht und fühlt.“ Um diese Zeit versuchte

sich Lawrence auch in der Dichtkunst. Von 1730 – 87 gab er

viele Gedichte in das European- und in das Ladies - magazine.

Manche dieser Erzeugnisse tragen das Gepräge eines echten poetischen

Geistes.

Lawrence’s Vater war in seinem Geschäft zu Devizes nicht glück-

licher, als zu Bristol; er begab sich daher nach Bath. Der Sohn

hatte hier eine Zeitlang Unterricht bei Hoare, einem trefflichen

Stiftzeichner, und unter der Leitung dieses geistreichen Mannes

fing Lawrence an, sich jene Anmut, jene Zierlichkeit, jenen

geistvollen Stil anzueignen, der ihn später in so hohem Grade

auszeichnete. Anfangs führte er in der Weise seines Lehrers Portraits

in Stiftzeichnung aus; einige weibliche Bildnisse sind noch

vorhanden, und man bewundert die Zartheit der Behandlung und

die elegante Ausführung, so wenig anmutsvoll auch die damalige

Mode der Schönen von Bath war. Er erhielt für ein solches Port-

rät zehn und einen halben Schilling. Einer seiner frühesten Gön-

ner war Sir Henry Harpor, der den jungen Künstler auf seine

Kosten nach Italien reisen lassen, und 1000 Pfund zu diesem Zwecke

hergeben wollte. Lawrence’s Vater lehnte aber den Antrag ab, in-

dem er sagte: „Thomasens Genie bedarf einer solchen Unterstüt-

zung nicht.“ Der wahre Grund dieser Entscheidung soll jedoch

der gewesen sein, dass das Talent des jungen Thomas die Unter-

stütze der ganzen Familie war. Während seines Aufenthaltes in

Bath fand er eine Ermunterung, deren er noch in seinem letzten

Lebensjahre öffentlich mit warmer Dankbarkeit gedachte. Im Jahre

1782 hatte er eine Kopie von Raphael’s Verklärung in Stiftzeich-

nung vollendet, und esso gab er im folgenden Jahre in die Aus-

stellung der Gesellschaft der Künstler zu Bath. Dafür nun erhielt

er die grosse Silberpalette und fünf Guineen, als Beweis der Zu-

friedenheit der Gesellschaft der Künstler zu Bath. Der berühmte

Kupferstecher Valentin Green war damals Präsident jener Gesell-

schaft.

Hierauf machte Lawrence, von seinem Vater begleitet, Ausflüge nach Oxford, Salisbury und Weymouth, wo seine Portraitzeich- nungen vielen Beifall fanden, deren er in der Regel täglich eine fertigte. Seine Kunst nährte ihn also schon reichlich, aber im Winter 1785 wandelte den jungen Lawrence doch die Lust an, sich der Bühne zu widmen.

Mit seinem siebzehnten Jahre machte er seine ersten Versuche in Ölfarben. Der Gegenstand, den er zuerst behandelte, war Chri- stus, das Kreuz tragend, in einem 8 Fuss hohen Gemälde. Als er diese Arbeit vollendet hatte, malte er sein eigenes Portrait in Öl. Er ahmte in diesem sichtbar den Stil Rembrandts in dessen mitt- lern Jahren nach, wo Rembrandt seine sorgfältige Ausführung vernachlässigte und sich der ganzen Fülle des Pinsels mit tiefen

Contrasten und ‚raschen Übergängen und einer großen Breite von Licht und Schatten bediente.

In den ersten Monaten des Jahres 1787 kam Lawrence nach Lon- don, um die öffentlichen Kunstanstalten zu benützen und die Lauf- bahn zu betreten, auf der er so glänzend fortschritt. Sir Joshua Reynolds war damals auf dem Gipfel seines Rufes und Glanzes; sein Urteil eben so gewichtig, wie der Einfluss als Präsident der Akademie. Lawrence fand Gelegenheit sich dem Präsidenten zu nähern. Dieser war überrascht von der Schönheit und der hübschen Gestalt und dem anmutigen Benehmen des Jünglings und nahm ihn mit einer Aufmerksamkeit und einem Wohlwollen auf, das dessen Furcht verscheuchte. Reynolds untersuchte seine Arbeit, gerieth offenbar in Erstaunen, sprach ausdrucksvoll über eine An- zahl Fehler, änderte aber plötzlich den Ton, ließ sich über die Verdienste heraus, und schloss mit milder Stimme: „Man sieht Klar, Ihr habt alte Meister kopirt, aber ich rathe Euch, die Na- tur zu studiren: wendet Eure Aufmerksamkeit der Natur zu und kopirt keine Gemälde.“ Von dieser Stunde an bis zu seinem Tode, der vier Jahre später erfolgte, empfing und behandelte Sir Joshua den Jüngling mit stets gleichem Wohlwollen.

Lawrence wurde nun Zögling der königl. Akademie; sein schö- nes Äußeres, seine feinen Sitten, sein friedliches Benehmen zog seine Mitschüler an, und sein überlegenes Talent und rasches Fortschreiten wurde ohne Neid anerkannt. Er begann damit, kleine, er höchst sorgfältig ausgeführte Zeichnungen zu machen. Auf diese Weise zeichnete er den Apollo von allen Seiten. Mit seinem zwanzigsten Jahre erlaubte man ihm nach lebenden Gegenständen zu zeichnen, eine Erlaubnis, welche damals nicht in der Ausdeh- nung wie jetzt gegeben ward. Im Jahre 1787 erschien er zum ersten- mal in der Ausstellung von Somerset-House mit fünf weiblichen Portraits, einer Vestalin und einem wahnsinnigen Mädchen. Im nächsten Jahre gab er sechs, 1789 dreizehn, 1790 zwölf Portraits in die Ausstellungen; unter den letzteren waren die Portraits der Köni- gin, der Prinzessin Amalie und der Schauspielerin Miss Farren. Im Jahre 1791 eröffnete sein „Homer, der den Griechen seine Ge- dichte vorliest,“ den Katalog. Dieses Gemälde war für Payne Knight gemalt, und es ist jetzt im Besitz des Andrew Knight von Downton Castle. Man betrachtet es als eine ausserordentliche Lei- stung für einen so jungen Mann, und lobte ebenso sehr die Ele- ganz als die reife Umsicht des Künstlers. Im Jahre 1791 wurde er in die Zahl der Associates der königl. Akademie aufgenommen.

Lawrence war jetzt in London bekannt und gesucht, aber ob- wohl er mit Aufträgen überhäuft wurde, lebte er keineswegs im

Überfluss. Die Bedürfnisse seiner Familie forderten stets Zuschüsse

aus seiner Kasse. Während seines ersten Aufenthaltes in London verkaufte der Vater seine Stiftzeichnungen, welche mit der Leich- tigkeit des Genies und der Raschheit langer Übung gefertigt wur- den, oft zu dem geringen Preis einer halben Guinee. In der neuern Zeit kaufte Sir Thomas selbst diese Zeichnungen, wo er sie auf- fand, um bedeutende Preise zurück. Er sprach mit Freuden oft von seinen bedrängten Umständen, in welche ihn die Armuth der Seinigen brachte, ohne sich desshalb zu beklagen,

Nach Sir Joshua’s Tod wählte ihn die Gesellschaft der Dilettanten zu ihrem Maler; auch erhielt er jenes Meisters Stelle bei Georg III., als erster Maler. In die Ausstellung von 1702 gab er das Portrait dieses Monarchen und jenes einer vornehmen Dame als Penserosa. Man kann indessen unmöglich aller seiner Porträts gedenken; was man von Sir Joshua sagt, gilt auch von Lawrence, er malte drei Generationen von Schönheiten. Doch nicht allein Bildnisse von Damen malte er, auch solche von Männern finden sich in grosser Anzahl, gelobte und getadelte Werke, da der Meister anfangs viele Feinde hatte. Rühmlich erwähnt wurden z. B. 1808 das spre- chende Bildnis des ehrwürdigen Staatskanzlers Thurlow, des Lords Stanhope, des Sprechers Makintosh, und geschändet jene der in Zeitungen und Carikaturen verewigten Schönheiten Miss Lambs und Lady Campbell. Besser erging es seiner Mrs. Siddons als Jara.

Im Februar 1704 wurde er zum Akademiker gewählt. Drei Jahre später malte er seinen Satan. Die Vorstudien zu diesem edlen Werke hatten ihn lange beschäftigt, besonders in den Nachtstunden, wenn er seinen übrigen Arbeiten Genüge geleistet hatte. An dem Gemälde selbst arbeitete er nur sechs Wochen, und er erklärte oft, diese Stunden seien seine glücklichsten gewesen. Unter den Freunden, die Lawrence zu jener Zeit hatte, muss An- gerstein genannt werden, der durch den Rath dieses Kunstlers vorzüglich bei dem Ankauf seiner berühmten Gallerie, die jetzt eine Zierde der National-Gallerie ist, geleitet wurde. Der Mar- quis von Londonderry gehörte ebenfalls zu den einflussreichen Gön- nern des Künstlers. Später genoss er auch den wärmsten Schutz des Prinz Regenten, der ihm eines Vorfalls wegen abgeneigt war. Es verbreitete sich nämlich das Gerücht, dass, während Lawrence die Prinzessin von Wales und die Prinzessin Charlotte malte, die königl. Hoheit den Maler, der eine Nacht in Montague House auf Blenkheath zubrachte, zu Ignädig behandelt habe. Im Jahre 1818 erhielt L. von dem Prinz Regenten, der ihn drei Jahre früher zum Ritter schlug, den ehrenvollen Auftrag, nach Aachen, wo der Congress sich versammelte, und an die verschiedenen Höfe des Continent zu gehen, um die Portraits der hohen Herrschaften zu malen. Nachdem er seinem Auftrag zu Wien und zu Aachen ent- sprochen hatte, ging er nach Italien und 1819 auch nach Rom, wo ihn der römische Hof, und die italienischen und fremden Künstler mit Ehren und Aufmerksamkeiten überhäuften. Am 10. März 1820 starb West, der bisherige Präsident der Akademie; am folgenden Tage wurde nun Lawrence einstimmig an dessen Stelle

wählt. Einige Wochen später kam er selbst nach einer Abwesen- heit von achtzehn Monaten nach England zurück, und brachte acht Portraits in Lebensgrösse für Georg IV. mit. Der König ließ ihm eine goldene Kette mit einer Medaille überreichen, auf welcher das golden des Monarchen und die Umschrift sich befindet: „Von Sr. M. Georg IV. dem Präsidenten der königl. Akademie.“ Im Jahre 1825 ging er nach Paris, um das Portrait Carl X. und

Lawrence, Thomas.

das des Dauphins zu malen; und da erhielt er das Kreuz vom Orden der Ehrenlegion. Die Universität zu Oxford krönte ihn zum Dok- tor der Rechte, und mehrere auswärtige Akademien wählten ihn zu ihrem Mitglied.

Ein bedeutendes Meisterwerk in seiner Art, und Lawrence’s bestes Werk ist sein Portrait Georg IV. im Carlton Palace. Es vereinigt alle Vollkommenheiten; die Ähnlichkeit setzt in Erstaunen und der Ausdruck des Charakters ist mit strenger Treue wie- dergegeben. Man erzählt, der König habe, als er ihm sein Bild zu malen auftrug, gesagt: „Paint me as I am“ (malt mich wie ich bin). Lawrence entsprach der Anforderung, nur soll die Zeich- nung nicht genug studiert und die Teile nicht genügsam durch- dacht, dasjenige, was die Franzosen les dessous nennen, nicht ge- nug angedeutet sein; ein Fehler, den sich die englische Schule im Allgemeinen zu Schulden kommen lässt, der seinen Grund in der Nachlässigkeit der Ausführung hat, um einer zu ausschliessli- chen Bemühung willen, den Ausdruck der Idee hervorzuheben. Der Reichthum und Glanz der Gewänder aber und die verschiede- nen Orden sind in aller ihrer Pracht gegeben, und dabei alles, was dem Schimmer gleicht, durch die reine Harmonie der Tinten, und die geschmackvolle Sorgfalt der Zusammenstellung vermieden, Höchst gelungen ist auch das Bildnis des Herzogs von Reichstadt, welches er in Wien malte, woselbst er auch eine Sammlung von Portraits der regierenden Häupter und der vorzüglichsten Minister zusammbrachte. Er malte den Kaiser, den Erzherzog Karl, den Fürsten Metternich, den Fürsten Schwarzenberg, die Gemahlin des Erzherzogs Karl. Ein vorzügliches früheres Gemälde ist das des Schauspielers Kemble, in der Rolle des Cato. Sein Bild des jungen Lambton ist trefflich gemalt. Von seinen Hauptwerken in England nennt Waagen und Passavant folgende:

In der Sammlung der königl. Akademie ist das Bildnis des Wil- liam Lindley, ein überaus schönes Jugendwerk des Meisters. Im Buckingham-House (Waterloo-Hall) sind sämmtliche Bildnisse, welche Lawrence für den König gemalt, und für die vorzüglich- sten hält Passavant jenes von Pius VII. und des Staatsecretärs Con- ulvi, ganze lebensgroße Figuren mit reichem Hintergrunde, Bil- der von grosser Pracht der Farbe. Dann sieht man hier Franz I., Alexander I., den Fürsten Schwarzenberg neben seinem Pferde auf dem Schlachtfelde, den Herzog von Wellington in einfacher Größe dargestellt, das interessante Brustbild Canning’s. Diese Bilder schei- nen Passavant die besten zu sein; man sieht aber deren hier noch andere, von Blücher, Platow, Erzherzog Carl, König von Preussen, Fürst Hardenberg, Graf Nesselrode, Fürst Metternich, Graf Capodistrias, General Tschernicheff, Minister von Hum- boldt etc. In der Grosvenor-Gallerie ist das schöne Bildnis der Tochter des Marquis von Stafford; in der Sammlung des Herzogs von Grafton König Georg IV. in Uniform, der Herzog von Wel- lington in grauem Rocke, der Marquis Londonderry und seine Ge- mahlin, zwei grosse Bilder; der jetzt lebende Marquis Londonderry zu Pferde, und seine Gemahlin, ebenfalls grosse Bilder; in Queen’s College in Oxford das Bildnis des Prinz Regenten; zu Chatsworth das schöne Kniestück Georg IV.; in der Sammlung des Robert Peel der Herzog von Wellington, Canning, Huskison und das des Sir Robert selbst; im Staffordhouse die Herzogin von Su- therland mit dem blondgelockten Kinde, Lord Clanwilliam, von lebendiger Auffassung, und in der Färbung eines der kräftigsten Bilder des Meisters; in Castle Howard der Herzog von De-

vonshire, zu roth in der Farbe. Dieses Bild wurde über die Massen gerühmt,

Mit Lawrence ging für die englische Kunst ein neuer Stern auf. Man bewundert in seinen Werken die feine Auffassung der Natur, die in seinen Portraiten so sehr anspricht. Dann hatte er einen ausserordentlich feinen Sinn für zarte, schöne Formen, und wie sehr er es verstand, das recht vornehme Wesen, jene Eleganz, jene heitere Lebensweise der englischen Grossen wieder zu geben, lieferte nach Wangen’s Bemerkung das Bildnis der Herzogin von Sutherland in Staffordhouse einen Beweis,

Seine früheren Werke sind jedoch sehr ungleich; öfter verließ er das strenge Studium und die Einfachheit der Natur und verfiel in eine etwas französische Manier. Als sein Ruf stieg, und er mit Hoppner, dem angesehensten Portraitmaler in London, um den Vorranz stritt, glaubte Lawrence diesen nicht anders, als durch eine gewisse Manier erhalten zu können. Seine Werke aus dieser Periode verdienen daher keine besondere Auszeichnung. Nach dem 1810 erfolgten Tod Hoppner’s kehrte er, jetzt ohne Neben- buhler, zu einer einfachern Auffassung der Natur zurück und hat seitdem so ausgezeichnete Porträts geliefert, dass er nach Reynolds die erste Stelle unter den Portraitmalern Englands einnimmt. So sagt Passavant S. 207. und was, nach der Ansicht jenes Schriftstellers, vielen seiner Bilder schadet, ist der Grundsatz des Künstlers, in einem Portrait dem Kopfe Alles aufzuopfern. Alle übrigen Teile sind daher nur hingehudelt, was besonders bei den Händen oft schon unangenehm auffällt. Doch zeichnete er diese meist sehr sorg- fältig mit schwarzer Kreide auf, ja vollendete zuweilen die ganze Zeichnung mit der größten Liebe, um nachher, beim Malen mit weniger sicheren Pinselstrichen die Nebensachen gewissermassen nur anzudeuten. So gab ihm einmal einer seiner Freunde zur Zeichnung der Hände eine fünf Stunden lange Sitzung, und nach- her malte er jene in grosser Schnelle. Doch behandelte er auch manchmal die Hände mit vieler Sorgfalt.

Für das Historische oder die Composition hatte Lawrence wenig Geschick. Er versuchte sich in seiner Jugend viel darin, aber, wie Passavant sagt, er kam niemals weiter, als die Manier des H. Fuessli nachzuahmen, und zwar so sehr, dass bei einer Versteige- rung von Handzeichnungen mehrere von Lawrence für solche von Fuessli gehalten wurden, bis ersterer sie selbst als seine Arbeit er- klärte. Dennoch schätzte er die Historienmalerei, und so wirkte er, nach dem 1820 erfolgten Tod des Präsidenten B. West als solcher gewählt, allenthalben sehr viel.

Seine Kreidezeichnungen beurkunden die Grösse seines Styls im Zeichnen. Sie sind ebenso frei als kräftig angelegt, doch war seine Weise im Allgemeinen weniger grossartig als zart, fest und den Ausdruck der Idee zu ausschliesslich hervorhebend. Er konnte aber auch treu malen. Als er das Portrait des Herzogs von Reich- stadt fertigte, gab er sich die grösste Mühe, eine vollkommene Ähnlichkeit hervorzubringen, und sagte: Ich kann wohl behaupten, dass es ähnlich ist, wenn ich zeichnete jede Linie, als hätte ich einen Eid abgelegt, das Bild ganz wahr zu machen.

Lawrence konnte sehr rasch arbeiten; wenn er gedrängt ward, malte er oft einen Kopf in einem Tage. In der Regel aber lies er sich für einen Kopf sieben bis acht Mal, für eine Hand zwei Mal sitzen. Gewöhnlich fertigte er erst eine vollendete Kreide- zeichnung auf die Leinwand, wodurch er sich mit seinem Vorwurf vollkommen vertraut machte. Oft übermalte er dieselbe, oft nahm

Er auch eine neue Leinwand. Bei dem Ausmalen wich er von der
Weise der meisten Maler ab; denn er malte seine Portraits teil-
weise aus und verband die Teile dann mit der größten Leichtig-
keit. Er vollendete oft den Kopf, ohne Hand an den Hintergrund
zu legen, denn er berechnete die Wirkung genau, welche die
Tiefe des letztern zum Leben der Fleischtöne haben würde. Wenn
der Kopf fertig war, bedurfte es gewöhnlich einer oder zwei Sit-
zungen, um die Figur mit Kreide oder Kohle zu zeichnen. «Einer
seiner Zöglinge erhielt hierauf das Gemälde, und dieser füllte Dra-
perie und Hintergrund aus. Lawrence besserte dann das Verfehlte
und gab dem Ganzen mit wenigen Pinselstrichen den harmonischen
Ton. Nicht selten geschah es, dass Lawrence die Kreidezeichnung
eines Kopfes machte, einem seiner Zöglinge die Details beschrieb
und ihm auftrug, die Zeichnung auf eine andere Leinwand zu über-
tragen und unmittelbar vor der zur nächsten Sitzung bestimmten
Zeit in Farbe zu setzen. Lawrence vollendete dann, mit dem Ori-
ginal vor sich, den Kopf in einer oder zwei Stunden. Das Por-
trait des Herzogs von York, eine seiner schönsten Arbeiten, wurde
in dieser Weise gefertigt.

In der jetzigen Zeit seiner künstlerischen Laufbahn Hess sich
Lawrence für ein Portrait, je nach der Größe 200 — 700 Pf. St.
bezahlen, und seine Einnahme belief sich in seinen späteren Jahren
auf 16000 Pf. St. Es ist daher auffallend, dass er zuweilen in gros-
ser Geldverlegenheit war und verhältnismäßig arm starb. Man
wollte den Grund in seiner Leidenschaft für das Spiel suchen; dies
ist jedoch eine Verläumdung. Unermessliche Summen kosteten ihn
aber die Ermunterung schöner Anlagen und der Ankauf von
Werken erster Meister. Seine Sammlung wurde von der National-
Galerie angekauft, und sie macht die größte Zierde derselben
aus.

Thomas Lawrence war ein Mann von mittlerer Größe und in sei-
ner Jugend so schön, dass Hoare von ihm sagte, er würde, wenn er
einen Christuskopf zu malen hätte, den von Lawrence zu seinem
Studium wählen. Er behielt diesen Charakter in einem hohen Grade
sein Leben lang. Man behauptete, er gleiche Canning und er war
stolz auf diese Ähnlichkeit, Stolz, Edelsinn, Unabhängigkeit, Of-
fenheit, Wohlwollen, Herzensgüte verschmolzen auf eine wunder-
bare Weise in seinem Charakter. Georg IV. sagte, Lawrence sei
einer der elegantesten und wohlerzogensten Männer seines Reichs.
Er tanzte mit einer ungemeinen Anmut, und war ein ebenso gu-
ter Fechter als Faustkämpfer. Bei diesen letzteren Übungen war
seine Stellung überaus schön. Er liebte schon als Knabe den Faust-
kampf, welcher in der Gegend, wo Lawrence geboren ward, vor-
züglich einheimisch ist, und Lawrence selbst pflegte auf eine Weise
zu boxen, welche dauernde Spuren von dem Ernste des Kampfes
zurückließ. Sein Gegner war derselbe, dessen schöne, athletische
Formen er als Studie zu seinem Satan in dem Gemälde aus Mil-
ton’s verlorenem Paradiese benützte.

Die Alten hatte Lawrence in Übersetzungen eifrig gelesen; des
Griechischen war er ganz unkundig und im Lateinischen hatte
er es nicht sehr weit gebracht. Die neuere ausländische Literatur
war ihm zwar nicht unbekannt; er musste sich aber auch hier mit
Übersetzungen behelfen,

In den Schriften seiner Landsleute war er sehr bewandert, be-
sonders in den Werken der schönen Literatur. Sein Gedächtnis
war außerordentlich, und er hatte ein bezauberndes Talent, Ge-
dichte vorzulesen, oder aus dem Gedächtnis vorzutragen.

Lawrence war nie verehelicht. In früher Zeit hatte er eine lebhafte Zuneigung zu der Tochter der berühmten Mrs. Siddons; sein Einkommen war aber damals sehr beschränkt und der Vater der jungen Dame verweigerte seine Zustimmung.

Der bekannte Dichter Thomas Campbell hatte bald nach Lawrence’s Tod eine Lebensgeschichte des berühmten Malers angekündigt und sich eine Zeitlang mit der Bearbeitung derselben beschäftigt. Er entsagte aus uns bekannten Gründen dem ehrenvollen Beruf, Lawrence’s Biograph zu werden, und übergab die Materialien einem gewissen D. E. Williams, welcher sie unter dem Titel: „The Life and Correspondence of Sir Th. Lawrence“ 1831 in zwei starken Oktavbänden herausgab. Das Beste in diesem geschmackvollen, verwirrten Buche sind Lawrence’s Briefe, in welchen sich die Wärme seines Gefühls, der Adel seines Charakters und seine Begeisterung für die Kunst auf das lebendigste und anziehendste ausspricht.

Nach seinem Tode bemächtigte sich die englische Kupferstecherkunst der ausgezeichneteren Arbeiten von Lawrence. So stach Bromley das Gemälde: „Rural amusement“, das Seitenstück zu dem bekannten und gleichfalls im Stich erschienenen jungen Lambino. F. C. Lewis hat das Portrait Wilhelm IV., Cousins das Bild der Miss Peel, und das Bild der Lady Dower, und Turner das charaktervolle Bildnis von Thomas Young gestochen.

Die Stiche nach seinen Werken bilden eine eigene Sammlung, unter dem Titel: Engravings from the works of the late Sir Thomas Lawrence by Cousins, J. Lucas, Th. Lupton, Ch. Turner, W. Ward etc. London 1836, fol.

Seine hinterlassene Kunstsammlung wurde ebenfalls dem Publikum nach bekannt gemacht, unter dem Titel: The Lawrence Gallery. Catalogue of the choicest specimens of original drawings by the great masters of the Italian, German, Dutch, French and Irish schools. Die Kunsthändler Wooburn kauften diese berühmte Sammlung von Handzeichnungen, und die raisonnierenden Cataloge enthalten die Beschreibung der Blätter. Im ersten Heft ist eine Biographie des Künstlers, und mit dem zehnten schließt das Ganze 1835 — 1850.

Das Bildnis des Künstlers, im kleinen Formate, ist in den Pencil anecdotes; dann in einer Sammlung von Blättern von Westall, D. G. gibt es auch ein Bild von ihm selbst gemalt, das er immer mit großer Scheu und nur auf vieles Zureden aus seinem Versteck hervorzog.

Im Kunstblatte von Dr. Schorn sind mehrere Notizen über seine Leistungen dieses Künstlers, und im Jahrgang 1832 ausführliche Nachricht. Passavant zählt in seiner Kunstreise durch England und Belgien mehrere Werke desselben auf und auch Dr. W. erwähnt seiner in dem Werke: Kunstkunstwerke und Künstler in London und Paris. S. auch unten F. Lawrence.

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