Kniep, Christoph Heinrich, Zeichner, geb. zu Hildesheim 1748, gest. zu Neapel 1825. Sein Vater, ein nicht sehr bemittelter Bür- gersmann, hätte zur Entwicklung des frühe keimenden Kunsttalents seines Sohnes schwerlich viel beitragen können, wäre ihm nicht der Umstand naher Verwandtschaft mit einem Theatermaler in Hannover zu statten gekommen. Dort erhielt also der Jüngling seine erste Bildung zum Künstler , und als er seine Lehrjahre voll- endet hatte, begab er sich nach Hamburg , wo er sich einige Zeit aufhielt und mit Portraitzeichnen nach dem Leben sich beschäftigte, Dies brachte ihm reichlichen Erwerb und den groussen Vortheil, täglich in Gesellschaft der angesehensten und gebildetsten Personen beiderlei Geschlechts und jeden Standes zu seyn. So wurde ihm das Glück zu Theil, mit Männern, wie Klopstock, J. H. Voss, Claudius, Campe, Reimarus und Schrüder persönlich bekannt zu werden. Hierauf begab er sich nach Cassel , dann über Lübeck nach Berlin , wo in dem letzten Jahrzehnt der Regierung Friedrichs des Grossen alle Friedeuskünste in voller Blüthe standen. Dort fand er an Kraschinsky, Fürstbischof von Ermeland, einen Gönner, der ihn nach Heilsberg, dem bischöflichen Sitze, nahm, wo der junge Künstler für ihn und seine vornehmsten Damen eine Zeitlang vollauf zu thun hatte. Der Fürst sah ein, von wel- chem Nutzen seinem Schützling eine Reise nach Rom seyn würde, und erbot sich grossmüthiger Weise nicht nur zur Bestreitung der Ausgaben unter Wegs, sondern versprach auch, für freien Unter- halt auf mehr als ein Jahr hinaus zu sorgen. Kniep betrat Rom, sah sich aber durch den Tod seines Gönners bald aller Hülfe und der Hoffnung beraubt, in Bälde das einförmige Reissblei mit dem Fpinsel vertauschen zu können, wie er sich vorgenommen hatte. Er war jetzt gezwungen, Zeichnungen nach Gemälden und alten Denk- malen, kleine An- und Aussichten von Rom um jeden Preis zu verfertigen, um Mangel und Noth von sich abzuwehren, aber die schonen Geburten einer rege[n] Einbildungskraft und eines ver- feinerten Geschmacks in lebhafte Farben zu kleiden, das war und blieb ihm unwiderruflich versagt. Kniep that, was er konnte, und es gelang ihm, sich nach und nach herauszuarbeiten, als eine gewisse deutsche Standesperson etwas unüberlegt ihn nach Neapel zu sich einlud, wo diese aber der Mittel herab war, sich auf irgend eine Art des Künstlers anzunehmen. In dieser bedrängten Lage suchte er sich nun mit Vedutenzeichnen, nunmehr seinen Hauptfach, so gut als möglich fortzubringen. Bald erschien auch der bekannte Historienmaler Wilhelm Tischbein, der Kniep schon anderswo liebgewonnen und aufgemuntert hatte, in Neapel, und zog ihn sogleich aus seinem einsamen Dachstübchen, um ihn bei einem grossen Mann einzuführen. Es war Goethe, der gerade Italien bereiste, und einen braven Künstler zu seinem Begleiter auf die Reise, welche er nach Italien vor hatte, suchte. So verleihete zwei Jahre eines höheren Daseyns, erst auf dem Zug und jene merkwürdige Insel, um nachher noch zu Neapel mit Goethe, der gewiss auch Ursache hatte, sich zu dem in jeder Hinsicht
wohl gelungenen Unternehmen Glück zu wünschen. Als dieser
Neapel verließ, schloss Kniep sich vollends an Tischbein an und
wohnte Jahre lang mit ihm sogar unter einem Dache. Nicht minder
gewogen ward ihm Ph. Hackert, der um dieselbe Zeit auf dem
Gipfel seines Ruhms und Glücks als königl. neapolitanischer Hof-
maler stand. Unter der Anführung solcher Meister und unter unab-
lässiger Betrachtung einer wunderschönen Natur, so wie der auser-
lesenen Kunstwerke jeder Gattung machte Kniep Riesenschritte,
und er erhob sich vom Vedutenzeichner zum trefflichen Komponi-
sten. Um jene Zeit arbeitete Tischbein schon an seinem trefflichen
Vaterwerk. Es ist auffallend, wie innig Kniep diesen heroischen
Figurenstil sich angeeignet, wie treu er ihn behandelt hat. Über-
haupt wusste er die Figur geschickt zu behandeln, verstand die
Theorie der höheren Baukunst und die Regeln der Perspektive aus
dem Grunde. Die ehrwürdigen Tempel von Paestum waren in ihrer
Art sein erhabenes Vorbild, und er brachte sie in seinen Landschaften
gerne und stets am rechten Orte an. Baum, Schlag, Wasserfall, Berg,
Fels, Architektur, menschliche Gestalt, kurz jede Form veredelte Kniep’s
Meisterhand, ohne das Liebliche auszuschließen.
Zum Erstaunen ist die Kunst, womit er in seinen schattierten Zeichnungen
die Lichter auszusparen und abzustufen, — die Genauigkeit, mit welcher er seine
Vordergründe auszuarbeiten wusste, — Eine Welt von Pflanzen prangt darin,
bis in die kleinsten Teile täuschend wahr und rein ausgeführt. Die Anatomie und
Darstellung verschiedenster Vegetation, des Gesteins u. s. w. hatten wenige
Künstler so vollkommen inne, wie er. Und dass über der ängstlich fleißigen
Ausführung der Flug der Begeisterung nie ermattete, sondern sich stets gleichblieb,
das ist der Triumph von Kniep’s Kunst und der Charakter seiner Schöpfungen.
Er war vertraut mit den klassischen Dichterwerken, und die altschottische und
griechische Fabel- und Heldenwelt, so wie Klopstocks Messias gab ihm
Stoff zu mancher Composition, zu mancher interessanten Episode und Gruppe
in seinen Landschaften. Außerdem war er in der Geschichte und in andern Wissenschaften
wohl bewandert und besass dabei das angenehmste gesellschaftliche Talent.
Er blieb unverehelicht.
In den ersten zwanzig Jahren seines Aufenthaltes in Neapel ar-
beitete Kniep meistens in Sepia. Da ihm aber diese Arbeit in der
Länge gar zu ermüdend wurde, so verlegte er sich nach jener Zeit
auf das Zeichnen mit schwarzer Kreide, meist auf weißem Grund,
und leistete in diesem, wie vorher in einem andern Fache Alles,
was möglich war. Ohne Jemand zu nahe zu treten, lässt sich be-
haupten, dass K. einer der strengsten, originellsten und vortreff-
lichsten Landschaftszeichner war, nicht nur in Italien, sondern in
Europa. Hiervon zeugen seine sämtlichen, von den Kunst-
freunden unter allen Nationen gepriesenen und gesuchten Werke,
besonders diejenigen aus den späteren Perioden. Blosse Feder-
zeichnungen liess er nicht gern aus seiner Hand, aber sie sind auch ein
Wunder der Kunst! Einige der schönsten, nebst mehreren der voll-
endetsten Zeichnungen in schwarzer Kreide und Sepia, besitzt der
Ritter L. Tocco in Neapel; auch der Marquis Berio hatte von
ihm einige Meisterwerke, besonders in Sepia, die aber nach des
Besitzers Tod zerstreut wurden. Im Ganzen hatte Kniep ungleich
mehr Aufträge von Deutschen, Engländern und Russen, als von
Eingebornen, und doch brachte er beinahe die Hälfte seines
Lebens in Neapel zu; selbst die Stürme der Zeit konnten ihn nicht
vertreiben. Dieser von der Natur in den wesentlichsten Stücken
hochbegabte Mann genoss das seltene Glück, dass bis zum letzten
Hauch sein Geist nicht nur ungeschwächt, frisch und jugendlich,
sondern auch Auge und Hand blieb treu. Wenige Künstler
haben so viel geschaffen, wie er. Im Jahre 1811 unterzog sich
Kniep der Herausgabe einer vollständigen Zeichenschule für angehende
Landschaftszeichner und Liebhaber in einer Reihe von Blättern, die der
geschickte Friedrich Kaiser aus Ulm in Kupfer stich:
wollte. Durch Kaisers Abreise von Neapel nach Wien, und seinen
bald darauf erfolgten Tode gerieth aber das Werk in’s Stocken
und blieb unvollendet, was um so mehr zu bedauern war, als die
erschienenen ersten Hefte allgemeinen Beifall fanden.
Kniep’s Charakter war im gleichen Grade schätzbar, als Mensch
wie als Künstler. Er war wohlthätig, ganz anspruchlos, ohne Neid
und bis zum Übermaß bescheiden. Er verstand es wenig, seine
Wert geltend zu machen, daher er denn zu seiner Betrübnis
zurückgesetzt wurde. Erst wenige Jahre vor seinem Tode wurde
er in den Rath der k. Akademie der schönen Künste zu Neapel
mit dem Ehrentitel eines Professors berufen, genoss aber gar kein
Gehalt. Er versah mit Eifer sein neues Amt, und wirkte durch
Wort und That mächtig auf die Schüler ein, die ihn wie einen
Vater liebten. Er starb an der Wassersucht, und liegt als Protest
ant in einem Baumgarten am nördlichen Eingang der Stadt, deren
selbigen der Kirchhof versagt ist, begraben.
Das Kunstblatt verbreitet sich ausführlich über diesen Künstler.
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