Jussow, Heinrich Christoph, Architekt, geb. zu Cassel 1754, gest. 1825. Dieser Künstler, einer der ausgezeichnetsten seines Zeitalters, erhielt seine Bildung im Collegio Carolino zu Cassel, und besonders viel verdankte er dem Mathematiker Matsko. Die Mathema- tik zog ihn auch besonders an; allein die Eltern wollten an ihm einen Rechtsgelehrten haben, wozu er aber weder in Marburg , noch später in Göttingen Neigung finden konnte. Nach dem Tode seines Vaters, des Oberbaumeisters Jussow, musste er endlich ein Brodstudium ergreifen, und dieses suchte er in der Architektur, als derjenigen Wissenschaft, wobei vorzüglich die Mathematik in Ausübung gebracht wird. Er verlegte sich nun mit allem Eifer auf das Studium der Baukunst, und bald wurde ihm auch eine unterge- ordnete Anstellung zu Teil, die aber seiner Ausbildung wenig frommte. Ein glücklicher Zufall erwarb ihm jedoch den Schutz des Landgrafen Friedrich, und dieser schickte den jungen Künstler nach Paris , wo Jussow zwei Jahre in aller Thätigkeit verlebte, bis er nach Italien ging, um in Rom die Denkmäler der klassischen Vorzeit zu studiren. Dann that er das Gleiche in Neapel und zu Pästum, wo er sehr gelungene perspektivische Zeichnungen von den damals noch weniger bekannten Tempeln aufnahm. Er durchkreuzte auch Sicilien, besuchte Selinunt , Agrigent, Syrakus und andere für den Künstler merkwürdige Orte, und nun trat er über Triest , Wien und Dresden seine Rückreise nach Cassel an. Doch war hier nach seines Bleibens nicht; der Landgraf Wilhelm IX. schickte ihn nach England, um die Bauwerke jenes Landes kennen zu lernen. Um 1790 kam er in die Heimat an, und jetzt wurde er sofort beim Baue des Schlosses Wilhelmshöhe (ehedem Weissenstein) verwendet. Den einen Flügel hatte der Oberbaudirektor du Ry bereits gebaut, und den zweiten vollendete Jussow, dessen Nachfolger. Mittlerweile fertigte er auch verschiedene Risse, und unter
den Projekten einer Ruine, eines großen Triumphbogens und eines
großen Wohngebäudes wurde das letztere gewählt. Im Jahr 1703
begann neben dem Bau des Corps-de-Logis jener der Löwenburg,
die nach und nach zu einer vollständigen, im gotischen Stil an-
gelegten Ritterburg emporwuchs. Dann ist auch die große
Aserleitung sein Werk, mehrere Treibhäuser und Pavillons, und
das Achteck auf dem Carlsberg, das Guernieri von 1701–1715 er-
baut, und 1765 verankert wurde, hatte Jussow restauriert. Be-
sonders verdankt ihm die großartige Anlage des Wilhelmshöher
Parks ihre Entstehung, und um jene Zeit fertigte er für Friedrich II.,
auch den Plan zum Monumente der gefallenen Hessen in Frank-
furt. Auch für andere Fürsten fertigte er mehrere Pläne, die theil-
weise zur Ausführung kamen.
Nach Beendigung der Hauptbauten zu Wilhelmshöhe wurde er
zum Oberkammerrat in Cassel ernannt, und als solcher stand er
dem Hof-, Land-, Chaussee- und Wasserbauwesen vor. Er leitete ver-
schiedene Restaurationen an herrschaftlichen Schlössern, baute eine
Caserne, die Neustädterkirche etc. Nach Errichtung eines westphä-
lischen Königreichs bekleidete er teils die Stelle eines Direktors
der Krongebäude, teils jene eines Generalinspektors der Brücken,
Chausseen und anderer Gebäude. Damals baute er auf Wilhelms-
höhe den großen Marstall und die nachher verlegte chinesische
Galerie; in Cassel neben anderen das Messhaus in 28 Tagen.
Nach der Rückkehr des Churfürsten wurde er zum Ritter des
Löwen-Ordens, und bei der Grundsteinlegung des durch ihn ange-
fangenen neuen Residenzschlosses gab er ihm eigenhändig das Com-
mandeur-Kreuz. Jussow fertigte zu diesem Gebäude, der Katten-
burg, alle Pläne; aber der Tod des Churfürsten vereitelte den un-
mittelbaren Fortbau dieses in seiner Art einzigen Gebäudes. Es
war bei seinem Tode noch nicht bis zur Bel-Etage aufgeführt, die
großartige Anlage, die Reinheit des Stils und die wohlgeordnete
Einrichtung der Teile würden es jedoch zu einem der ersten Resi-
denzschlösser Deutschlands erheben. Der Churfürst Wilhelm II.
schätzte den Künstler ebenfalls, und beehrte ihn mit meh-
reren Aufträgen. Der Bau der Caserne und jenem des Friedrichs-
thores sind seine letzten Arbeiten gewesen. Im neuen Nekrologe
der Deutschen II 2. S. 841 ist ausführliche Nachricht über
diesen Künstler zu lesen, von Dr. Dittmer, nach den Mittheilungen
des Hofbaurathes Laves.
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