Ingres hat mit Kraft und Ausdauer einen Weg verfolgt, der ihn zum Ziele führte, aber durch Hindernisse aller Art, da er zu einer Zeit von den herrschenden Ansichten abwich, in welcher David noch das Scepter führte und der Gesetzgeber des Geschmackes war; aber die Kraft, durch die er endlich den Sieg errang, ist ein Zeugnis eines künstlerischen Berufes. Die Franzosen finden ihn indessen noch immer nicht über den Tadel erhoben, obgleich sie nicht umhin können, ihm hohe Vorzüge einzuräumen. So konnte man 1834 bei Gelegenheit der Ausstellung seines Gemäldes mit dem Martyrtoide des heil. Symphorian hören und lesen, dass der Künstler die Schönheit der regelmäßigen natürlichen Form und den Glanz eines ausdrucksvollen Colorites vernachlässige. Man schalt ihn Stümper und Sonderling in Hinsicht auf Form und Farbengebung. So streng konnten jedoch nur die Anhänger der Schule des Nebenbuhlers urteilen. Der Farbenton des Gemäldes ist allerdings dunkel und trübe, aber es spricht daraus Gemüt und Poesie , und die Fleischteile treten mit grosser Wahrheit und plastisch hervor. Auch die technische Ausführung verräth eine Meisterhand, so wie sie sich in allen Werken des Ingres offenbart. Dieser Künstler ist in den Geist Rafael’s eingedrungen, und bei ihm zeigt sich überall tiefes Nachdenken über die Mittel der Darstellung. Das Einzelne ist in seinen Gemälden immer dem Ganzen so untergeordnet, dass nichts vernachlässigt erscheint, und dennoch kein Detail von der Hauptsache störend abwendet. Hierin gewahrt er eines Vorzuges, dessen sich so wenige französische Künstler rühmen können. Der einfache strenge Stil der Composition, die richtige Zeichnung, die Tiefe der Gedanken, der Adel und die Erhabenheit der Gestalten sichern den Werken dieses Künstlers einen klassischen Werth; obgleich mehrere durch keinen Farbenschmuck zu fesseln vermögen. Diesen Theil der Kunst scheint Ingres als unwesentlich betrachtet zu haben, nie aber gebricht es ihm an Grossartigkeit.
Was nun den Vergleich mit Delaroche anlangt, so sucht Ingres nicht die Naturgemässheit und geschichtliche Wahrheit; er wagt den Flug in das Reich der Phantasie. Sein Geist verweilt in der reichen Welt des Alterthums und in der religiösen Zeit des Mittelalters, — aber nicht um mit der Treue eines Historikers die Vergangenheit unseren Blicken vorüberzuführen, sondern durch die Phantasie verschönert, in höherem Lichte. Er ist Dichter, zum Ideal begeistert. Er beabsichtiget das Erhabene und die sittliche Grazie, er will das Schöne durch das Sittliche veredeln. Seine Elemente sind Stärke und Adel der Seele, Aufopferung, Verachtung des Todes, Kampf gegen das Schicksal, Begeisterung für das höchste Wesen, Aufschluss des Innern der Seele. Er betrachtet Alles von einem höheren Standpunkte, als Delaroche, und steht auch höher als dieser.
Ingres hat eine bedeutende Anzahl von Werken geliefert, deren
mehrere in deutschen Blättern öffentlich zur Sprache kamen, be- sonders im Kunstblatte von Hofrath Dr. Schorn, wo in mehreren Nummern über die Leistungen dieses Künstlers und über die Kunst- richtung desselben gesprochen wird. Bis zum Jahre 1834 sah man fast ununterbrochen Bilder von seiner Hand in den Salons. Zu jener Zeit erfuhr er wegen seines St. Symphorian bittere Angriffe, und dadurch beleidigt, gab er erst 1830 wieder ein Werk zur Ausstellung. Im Jahre 1834 verliess er auch Paris, um an Vermet’s Stelle das Direktorat der französischen Akademie in Rom zu übernehmen. Im Dezember desselben Jahres traf er in Rom ein, Seine vorzüglichsten Gemälde sind: Oedipus und die Sphynx, 4 F. 6 Z. auf 6 F.; eine Schlafende, 4 auf 5 F.; Jupiter und The- tis, 10 F. gross; Virgil liest dem Augustus und der Octavia die Ae- neide vor, 10 auf 13 F. gross, in der Villa Miollis zu Rom, und von Pradier gestochen; die Odaliske, 5 F. gross, im Besitze des Grafen Pourtalès, lith. von Le Comte; Francisca de Rimini, im Besitze des Grafen von Turpin, lith. von Le Comte; Carl’s V, Einzug in Paris nach der Vertreibung des Herzogs von Bourgogne, beim Grafen Pastoret; Don Pedro von Toledo; die heil. Jungfrau; Napoleon auf dem Throne, für das Corps législatif gemalt, jetzt im Invalidenhause; Christus übergibt dem Petrus die Schlüssel, in der Kirche Trinità del Monte zu Rom; Rafael und die Fornarina, östlich von Pradier; die Sixtinische Kapelle, lith. von Sudre; die Selbst Porträt von Pius VII.; Roger befreit Angelika, im Luxembourg; das Gelübde Ludwigs XIII., 13 F. gross, in der Cathédrale zu Mont- auban, berühmtes Altarbild, von Calamata gestochen, als Gegen- stück zu Desnoyer’s Madonna di Foligno; der Tod des Leonardo da Vinci; Heinrich IV. spielt mit seinen Kindern, beide im Be- sitze des Herzogs von Blacas; die Marter des heil. Symphorian, in der Kirche des Heiligen zu Autun; ein Christuskopf, nach 1834 gemalt,
Im Quirinal zu Rom malte er zwei Darstellungen, von denen die eine auf einem Raume von 18 Fuss den Romulus vorstellt, im Triumphe mit der Beute der Feinde, die andere den Schlaf Os- sian’s schildert, in einem 13 Fuss haltenden Bilde. Zu beiden er- theilte ihm die Regierung den Auftrag. Im neunten Saale des Mu- seums sieht man von diesem Künstler an der Decke die Vergötterung Homer’s, ein Fresko, dessen Färbung nicht gefallen wollte. Auch Bildnisse hat Ingres gemalt, und diese sind ebenso groß- artig aufgefasst und vollendet in der Ausführung, als seine übri- gen Werke. Wir nennen jene von Marschal Berwick, Pastoret, Catin de Vaux, Mole etc. Den letzteren malte er 1835, und das Bildniss des B. de Vaux erklärte man 1853 als Meisterstück, De Vaux sitzt auf einem Sessel, die Hände auf das Knie gestützt, so lebendig, dass er zu leben scheint. Das Bild ist mit 5qr grössten Margfalt vollendet, bis auf das Wiederscheinige der samtenden Gewebe.
Ingres ist Mitglied des k. französischen Institutes, der Akademie von Puy und Montauban, Correspondent der Akademie in Florenz, Ritter der Ehrenlegion etc. Er hat eine Menge Schüler.
Vorsicht
Diese Seite wurde maschinell erstellt. Die Zuverlässigkeit der OCR ist durch die Qualität der Scans, der Software und des Workflows zwangsläufig beschränkt. Eine menschliche Korrektur und Redaktion fand nicht statt.
Das Ziel dieser Seite ist es, die gezeigten Resourcen einfach zugänglich zu machen. Für Zitate und eine direkte Nutzung sind sie nicht ausreichend. Hierfür ist notwendigerweise das originale Quellenmaterial hinzuzuziehen.
Der zugrundeliegende Scan ist hier zu finden https://archive.org/details/bub_gb_1ITrAAAAMAAJ