Hildebrandt hat schon viele Werke geliefert, welche ihm einen Rang unter den ausgezeichnetsten deutschen Künstlern sichern. Im Jahre 1820 war er bereits auf dem besten Wege und auf diesem begegneten ihm damals im edlen Wetteifer auch seine Mitschüler bei Schadow, jeder bestrebt, seine Kraft zu entwickeln. In dem bezeichneten Jahre sah man seinen König Lear, unter Devrient’s Gestalt, trauernd um Cordelia, ein Bild, in welchem der Ausdruck des Schmerzes trefflich gelungen war. Man hätte damals von dem jungen Künstler glauben können, der große Dichter sei ihm dabei wesentlich zu Hülfe gekommen; allein auf der nächsten Ausstellung zeigte er in der Szene nach Tasso, wo Chlorinde im Verscheiden von Tancred, mit dem sie unerkannt gefochten, noch die Taufe empfängt, dass er Miene und Sprache der Seele auch ohne solche Unterstützung in seiner Gewalt habe. Sein Talent offenbarte sich schon frühe in glücklicher Erfassung schmerzlicher Affekte, und dabei weiss er seinen Gemälden ein Feuer und einen
Schmelz des Colörites zu verleihen, das die Wahrheit bis zum
Poetischen steigert. Er und Hübner gingen in tüchtiger, solider
Technik des Ölmalens voran.
Das nächste Bild, welches Hildebrandt zur Ausstellung brachte,
ein sicherer Fortschritt zu seinem Ruhme, stellt die Judith vor,
wie sie im Begriffe steht den Holofernes zu morden, an Rem-
brandtscher Weise gefasst und behandelt. Die Figuren sind in Le-
bensgröße; Holofernes, am Boden liegend, ist im Schlafe der
Judith entschlafen vorgestellt: Diese sitzt auf einem Ruhebette;
der Gedanke des Mordes und der Rache zuckt so eben in ihr
auf und sie fasst mit der einen Hand das kräftige Haar des Man-
nes, während sie mit der andern das Schwert zum Todesstreiche
schwingt. Alle Kränze des Helldunkels sind hier entwickelt, um
bei nächtlicher Lampenbeleuchtung in stiller Nacht heimliche
Lust und Mord mit Verschwiegenheit zu decken. Holofernes
schläft wirklich und eben diese grosse Illusion des Ganzen geht
über auf die schreckhafte Handlung, die mit Furcht und Entsetzen
erfüllt. Nur die Judith entging nicht ganz dem Tadel. S.
Raczinsky’s Geschichte der neueren deutschen Kunst. I. 133. Die Ju-
dith ist eine kräftige Heroine, weniger das reizende, verführerische
Weib.
Das folgende Bild, das der höheren Sphäre des Genrefaches
angehört, ist der Räuber im alten Gemäuer mit übereinander ge-
schlagenen Beinen, wie er, die Büchse auf den Boden lehnend,
lauert. Wildheit des Charakters und die Verruchtheit seines Ge-
werbes sieht ihm zwar nicht unmittelbar aus den Augen, aber
man erkennt einen Mann, der mit seinem Gewissen ein leichtes
Abkommen gefunden hat.
Mittlerweile besuchte Hildebrandt auch Rom, und hier ent-
stand 1830 ein merkwürdiges Familienbild, welches den Vater
Bendemann und die Mutter im Kreise der Seinigen darstellt. Man
sieht hier den Maler Eduard Bendemann, und Hübner, den
Schwiegersohn; ferner Schadow, Sohn und Hildebrandt selbst dar-
gestellt. Alle diese Künstler haben an dem Bilde gemalt; Hilde-
brandt die Gestalt des alten Bendemann und jene des Malers
Sohn.
Diese erwähnten Werke sind Meisterstücke ihrer Art, aber es
reihen sich an sie noch mehrere andere an, die gleiches Gepräge
der Vollkommenheit tragen. Im Jahre 1824 malte er noch Faust
und Mephistophel in der Felshöhle, in ein Drittel Lebensgröße,
im Besitze des H. Treskow auf Friedrichsfelde bei Berlin. Vom
Jahre 1827 ist sein Abschied Romeo’s von Julia anzureihen, ein
vier Fuß breites und fünf Fuß hohes Bild im Besitze des Prin-
zen von Preußen. Das oben erwähnte Bild der Chlorinde, vier
einen halben Fuß hoch, besitzt Dr. Heilbron in Minden, die Ju-
dith H. vom Rath zu Duysburg und der Räuber lauert jetzt beim
Consul Wagner in Berlin. Zu diesem Bilderkreis gehört auch das
höchst liebliche Bild; unter dem Namen der „Warnung vor der
Wassernixe“ bekannt, und der Kriegsmann mit dem Söhnlein, im
Besitze des Consuls Wagner und abgebildet in Raczinsky’s Pracht-
werk I. 204. Hier ist auf der folgenden Seite auch die Abbil-
dung des kranken Rathsherrn zu sehen, ein berühmtes Bild, das
bei H. v. Krause in Tenzerow zu sehen ist: Der Rathsherr ist
dargestellt, wie er, das Ende seines Lebens fühlend, sein Töchter-
lein segnet. Es ist dieses ein Bild von hoher technischer Vollen-
dung. Ein vorzügliches Bild ist auch die Märchenerzählerin, litho-
graphiert von J. Becker,
Nagler’s Künstler-Lex. VI. Bd. 42
Im Jahre 1834 malte Hildebrandt das berühmte Bild, welches die Ermordung der Kinder Eduard’s VI. von England vorstellt, im Lebensgrüsse, das Eigenthum des Domherrn F. v. Spiegel in Hal- berstadt. Eine Wiederholung in etwas kleinerem Maassstabe be- findet sich in Berlin, und diese ist so gleichzeitig mit dem grös- seren Bilde gemalt, dass einzelne Theile, namentlich der Kopf des blonden Mörders im Vorgunde, zuerst in dem kleineren Bilde ausgeführt worden. Die Darstellung ist ergreifend und voll Le- ben; der Ausdruck der Gestalten, vornämlich der in den Armen des Schlafes holdselig aneinander geschmiegten Königsknaben, ist tief gefühlt. Es ist das bedeutendste Werk des Künstlers,
Genau beschrieben ist dieses Werk in den Berliner Nachrichten 1836, Nro. 224; Lüderitz und F. Knolle haben es gestochen. Die Darstellung ist nach Shakespeare’s König Richard II., Akt 4, Scene 3. Die Prinzen ruhen angekleidet auf dem Bette im Ge- mache des Thurmes, und hinter dem Lager erscheinen die Mör- der, zwei charakteristische Gestalten, der eine ein kalter, vollen- deter Bösewicht, der andere ein Mensch, welcher noch nicht je- den Funken von Menschlichkeit erstickt hat. In den beiden Kna- ben erscheint der Schlummer der Unschuld; die Worte des Dich- ters sind in Wahrheit verkörpert.
Kleiner als sein Bild der Söhne Eduard’s ist jenes mit den vier Chorknaben bei der Vesper, mit offenem Gebetbuche vor dem Kreuze kniend. Auch dieses Gemälde ist herrlich ausgeführt, be- stimmt ausgedrückt, und in des Künstlers tiefer Auffassung leicht hingegeben. Ein Meisterwerk ist auch der Ritter mit dem Kinde, einem neckischen Krausköpfchen, von Wild lithographirt. Zu diesen Werken kommen noch viele Bildnisse, welche sich durch vollkommene Aehnlichkeit, durch Wahrheit und Harmonie der Färbung auszeichnen.
Hildebrandt ist noch immer im Fortschreiten. Sein kranker Rathsherr und die Söhne Eduard’s geben den Beweis davon. Wenn man diese Bilder mit Romeo und Julie vergleicht, so hat man Mühe zu begreifen, dass sie von demselben Künstler herrüh- ren. Wenn in Romeo und Julie die Färbung noch der Sicher- heit und Kühnheit ermangelt; wenn die Gestalten, bzi aller An- muth, doch etwas Gezwungenes und Geziertes an sich trugen, so zeigen dagegen die späteren Werke des Künstlers keine Spur mehr von diesen Mängeln.
Es ist schwer die Benennung zu bestimmen, welche einigen Werken der ausgezeichnetsten Düsseldorfer Künstler zukommt. Die Art und Weise, wie Hildebrandt insgemein seine Gegemrstände behandelt, scheint die Benennung Genremaler nicht zuzulassen; indessen sind viele seiner Darstellungen aus dem häuslichen Le- ben entnommen. Um von der Sinnesrichtung und Darstellungs- weise, welche diesem Künstler eigen sind, Rechenschaft zu geben, hat der Verfasser der Geschichte der neueren deutschen Kunst I. 202. sich der Vergleichungen und Ähnlichkeiten bedienen müssen. Man würde zwischen ihm und Rembrandt und Ferdinand Bol Ähnlichkeit finden, wenn seine Färbung und Beleuchtung auf denselben Contrast und Glanz hinarbeitete, und wenn er, wie jene, eine gewisse herkömmliche Bekleidung oder wunderliche Vermummungen angenommen hätte. Auch würde man bei ihm Ähnlichkeit mit Carravaggio finden, wenn er nicht weniger ver- wegen, vielmehr besonnener als dieser Maler wäre, und wenn das ihn beseelende Gefühl nicht ein edleres und zarteres Gemüth offenbarte. Nur ein Bild Carravaggio’s dürfte als Vorbild der Art
dienen, welchem die meisten Hervorbringungen Hildebrandt’s angehören: Die Kartenspieler der Gallerie Sciarra Colonna in Rom. Aixtu V. von Schnetz kann auch in diese Reihe gestellt werden. Die Art, wie Hildebrandt das Nackte behandelt, hat manchmal etwas von Van Dyck, z. B. auf seinem alten Krieger mit dem Kinde, welches letzteres eine Feinheit der Farbentöne hat, die ganz an jenen berühmten Meister erinnert. Mit den Malern der Ra- faelischen Zeit hat Hildebrandt vielleicht unter allen Düsseldorfer Künstlern die wenigste Ähnlichkeit; aber der Verfasser des er- wähnten Prachtwerkes sagt auch, dass er keinen Maler kenne, der wahrer und liebenswürdiger der Natur nachbildet. Hilde- brandt ist unter allen Malern der Düsseldorfer Schule vielleicht auch am meisten mit der unschätzbaren Gabe der Farbe betheilt. Er versteht es, die Wahrheit der Nachbildung mit der Frische der Farben, die Lebhaftigkeit mit dem Reiz und der Harmonie zu verbinden. Dabei gibt er überall das Vorbild der Anmut, ver- eint mit der Unbefangenheit und Natürlichkeit.
Hildebrandt ist also ein Künstler im reinsten und wahrsten Sinne, und es bleibt in dem Gemüthe desjenigen, der, empfänglich für die Schönheit und Wahrheit der Kunst, mit den Seelenschöpfun- gen eines solchen Künstlers sich nur durch das geschriebene Wort vertraut machen kann; die unauslöschliche Sehnsucht zurück, mit eigenen Augen zu schauen, um des höchsten Genusses theilhaftig zu werden.
Und nun noch Weniges von Hildebrandt dem Menschen. Die glückliche und offene Gesichtsbildung, sein wohlwollendes Gemüth, sein einfaches und ungezwungenes Wesen, seine liebenswürdige Heiterkeit, stimmen sehr wohl zu der Art des Talentes, welches ihm eigen ist. Gleich bei der ersten Annäherung fühlt man sich zu ihm hingezogen. Es ist der Maler der Natur und Wahrheit; es ist die Natürlichkeit in ihrer ganzen Anmut; es ist der glück- lich gebildete Mensch im vollen Sinne des Wortes. Nichts zeigt mehr, wie sehr er die Wahrheit liebt, als der Ausspruch vor ihm:
„Viele Künstler verfallen in Uebertreibung, weil sie die Wahrheit nicht erreichen können.“ Unser großer Dürer konnte sie auch nicht erreichen, und es kostete ihm Tränen, als er einsah, dass es bei ihm zu spät war, die Einfachheit der Natur zu erfassen;
Dass Hildebrandt als Mensch und Künstler auf solcher Stufe stehe, wie wir bezeichnet, verbürgt. Athanasius Graf Raczynsky in seiner Geschichte der neueren deutschen Kunst, in französischer Sprache und auch deutsch von F. H. von der Hagen. I, B. Düs- seldorf und das Rheinland, Berlin 1836.
Hilduard ist ein Benediktiner-Mönch, erscheint 1170 als Architekt der neuen St. Peterskirche zu Chartres. Diese Kirche wird sehr ge- rühmt.
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