Hess studirte in Rom fleissig die Werke Raphael’s und der andern klassischen Meister, an denen diese Stadt so reich ist. Eine Reihe sehr schöner Compositionen sind Beweise vor den grossen Fortschritten, welche der Künstler durch die Anschauung der Werke Italiens gemacht hat. Eine reiche Composition von mehr als 20 stark lebensgrossen Figuren, wozu er den Carton in Italien entwarf, konnte, immer unterbrochen von andern Arbeiten, nicht zur Vollendung kommen; das Bild ist im strengen, ernsten Kirchenstyle gehalten, und kann rücksichtlich des Charakters der Figuren und ihrer Drapirung ein Meisterwerk genannt werden. Fast gleichzeitig mit diesem Werk ist das Bildnis Thorwaldsen’s, eines der gelungensten Bilder, die in neuerer Zeit in Rom geliefert wurden. Es stellt diesen berühmten Künstler in natürlicher Grösse bis an die Knie dar; er sitzt an einem, mit einem Teppich bedeckten Tische, neben ihm liegen Hammer und Meissel; die Bekleidung bildet ein graues, mit Pelz gefüttertes Kammerkleid, dessen Kragen durch das umgeschlagene Pelztuch eingesetzt wird. Den Hintergrund bildet eine einfache dunkle Wand, an der man einen Lorierkranz hinter des Künstlers Haupt bemerkt. Er lässt neben einer durch den Rand des Bildes abgeschnittenen Säule einen freien Durchblick auf eine italienische Landschaft. Ungeachtet der treffenden Aehnlichkeit, und des ausserordentlich wahren, durchdringenden Blickes, mit dem der Bildner den Beschauer ansieht, herrscht eine grosse Ruhe in dem ganzen Bilde, die uns Achtung für den vor ihm sitzenden Künstler einflösst. Alle Theile sind von vollkommener Ausführung, mehr als alles Lob spricht wohl Thorwaldsen’s eigenes Urtheil über dieses Portrait, als er den lebhaften Wunsch äusserte, dasselbe zu besitzen, was auch sicher der Fall gewesen wäre, wenn es nicht als eines seiner liebsten Andenken an Rom seinen Schöpfer, in das Vaterland begleitet hätte.
Zu derselben Zeit malte Hess in Auftrag des Königs Maximilians von Bayern den Parnass, ein Bild in das ursprünglich zur Hauptzierde eines Festsaales in der Münchner Residenz bestimmt war. Apollo, auf den Höhen des Parnassus die Lyra spielend, wendet, wie in Begeisterung, den Blick nach oben; das blonde, lockige Haar ziert der ewig grüne Lorbeer.
beer, die Linke hält die Leyer umfasst, während die Rechte aus ihr die Töne lockt. Das schöne, rechte Bein dient dem Körper als Stütze, während das linke, auf einen Stein gelehnt, die Leyer trägt. Der in der leicht bewegten Luft flatternde Purpurmantel bedeckt nur wenige Teile des nie alternden Körpers. Eine Gruppe von neun Jungfrauen, in der schönsten Blüthe der Jahre, in den anmuthigsten Stellungen, ist um den edlen Jüngling versammelt, aufmerksam, jede im eigenthümlichen Charakter, seinen göttlichen Tönen lauschend. Ihre idealen Formen, ihr edles Wesen, ihre Ruhe, alles zeigt uns Wesen einer höheren Natur. Dieses große Gemälde, welches zu den ersten der neueren Zeit gehört, ist von der größten Wahrheit und Kraft der Farbe, voll Transparenz der Töne, in allen Theilen plastisch gerundet und mit einer solchen Vollendung ausgeführt, dass es, fern oder nah betrachtet, immer den gleichen Reiz gewährt. Die Massen sind sehr verständig geordnet, und die Kraft und Klarheit, womit sie behandelt sind, zeigt von der tiefen Einsicht des Künstlers in die Gesetze des Helldunkels. Das Bild erinnert an die Werke der besten italienischen Meister der römischen und mailändischen Schule, ohne eben eine bestimmte Nachahmung der einen oder der anderen zu verrathen.
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