Hemling, Memling, Memmelinck, Hans. ; 95
eine gerade, manchmal fast steife Haltung. Immerhin aber haben seine Köpfe viel Wohlgestalt und Adel, Leben und Ausdruck, wie man bei Betrachtung der meisterhaften Bilder in der königlichen Pinakothek zu München überzeugen kann. In der Anordnung verfährt Hemling streng symmetrisch und, wenn er zuweilen, gegen die Regeln der Perspektive, wider die Proportion verstößt, so entschädigt dagegen wieder die Gabe, in geschichtli- cher Hinsicht den Gegenstand zu erschöpfen. Er stellte im Hin- tergrunde gerne erläuternde Momente der Haupthandlung dar, die in kleinerem Maßstabe erscheinen. Den ernsteren Geist erkennt Schnaase vorzugsweise in der Auffassung und Färbung der Landschaft. Nicht selten hält Hemling das Grün des Feldes und das Blau des Himmels einfärbiger, heller, eher an eine herbstliche nordische Natur erinnernd. Auf anderen Bildern, z. B. auf der Taufe und der Verlobung der heiligen Catharina, gibt er zwar Landschaften, die schon als solche ausgezeichnet schön sind, und zwar im Kräftigsten Grün, aber dennoch ist auch hier die Auffas- sung verschieden von der des Johann van Eyck. Wenn bei diesem, sagt Schnaase, das Feld mit seinen bunten Blumen und den im Grase zerstreuten Edelsteinen, wie im Frühlingslichte schimmert, ist bei Hemling die Reife des Sommers eingetreten; das Grün ist dunkler, die Matten sind gleichmäßiger gefärbt, die Bäume dichter belaubt, ihre Schatten stärker, die Lichtmassen grösser und ruhiger. Auch die Formen der Berge und Baumgrup- pen sind weniger phantastisch und zeugen von genauerem Natur- studium. Die Behandlung der Landschaft entspricht daher der seiner menschlichen Gestalten, da beide treu und anspruch- los sich an die Wirklichkeit anschliessen, aber so, dass diese Wahr- heit nicht um ihrer selbst willen, sondern nur durch den ernsten Ausdruck, den sie dem Ganzen gibt, bemerkt wird. Seine Auf- fassung verhält sich nach Schnaase’s Ansicht zu der des Johann van Eyck, wie männliche Erfahrung zu dem heiteren, verschönernden Bilde des Jünglings; aber es ist nicht die Erfahrung des gemeinen, berechnenden Sinnes, sondern die begeisterte des Frommen, vielleicht selbst des Mystikers. Darum ist er denn auch in solchen Darstellungen, welche den höchsten Glanz des stärksten Lichtes voraussetzen, namentlich im Sonnenaufgange, oder in strengen ungewöhnlichen Farbenerscheinungen, wie in jener Vision aus der Apokalypse auf dem Bilde mit der Geschichte des Evangelisten Johannes im Hospital, überaus glücklich, und scheint sie mit grösster Liebe vollendet zu haben; aber er enthält sich derselben überall, wo nicht die Natur oder Text der Schrift sie rechtfer- tigte, und bleibt dann treu und demütig bei dem unmittelbaren Inhalte seiner Aufgabe stehen. Jener strenge mathematische Geist, der im frühen Mittelalter der Gestalt feindlich war und sie ertröd- tete, hat bei ihm seine eigentliche Stelle gefunden; er äussert sich nur im Lichtglanze der Erscheinungen des Himmels und der Visionen der Seher, während das Leben in natürlicher demütiger Grazie sich frei entwickelt,
So urtheilt Schnaase (Niederländische Briefe S. 320) im An- sichte von Hemling’s Werken in Brügge und anderwärts in Bel- gien,
Mit Hemling wich der Ruhm der Malerei von Brügge, und da die Künstler lange noch hie und da Motive aus der älteren Schule entlehnten, so vermochten sie wohl nicht, sich mit ganzer Seele der neuen Richtung, welche bei Quintin Messys zuerst deutlich
hervortrat, zu bemächtigen; sie schwankten vielmehr zwischen Al- tem und Neuem.
Nachrichten über Hemling finden wir in J. Schopenhauer’s Werk: Johann van Eyck und seine Nachfolger; bei Schnaase; in B. von Keversberg Geschichte der heiligen Ursula, unter dem Titel: Ur- sule, princesse Brittannique d’après le légende et les peintures d’Hemling. Gand 1818; in Passavant’s Kunstreise durch England und Belgien, im Kunstblatte von Dr.-Schorn und besonders auch im De Bast’s Messager des sciences et des arts 1832. Abbildun- gen von Gemälden dieses Meisters sind in den Gallerie-Werken zu finden.
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