Guerin’s Ruf war also schon gegründet, als er nach Rom ging

Guerin’s Ruf war also schon gegründet, als er nach Rom ging, um hier seine Studien zu vollenden. Es erinnerte ihn die Rüstung an jene Reise, als er das Gemälde mit Phädra und Hippolyt ausstellte, wobei man sagte, dass seine Gestalten es deutlich verrathen, dass er Italien nicht gesehen und sich einzig in Paris aufgehalten habe, wo meist zu schlanke Figuren sich zeigen. Das Bild der Phädra (gest. von Desnoyers, Figeot und Niquet) ist jetzt im Luxembourg, und dieses Gemälde ist in verschiedenen Schriften auch verschieden beurtheilt; es hat seine Vorzüge und seine Mängel. Nach einiger Zeit kehrte Guerin wieder nach Frankreich zurück, und nun sah man bis 1817 Bilder von ihm, mit welchem Jahre seine Gesundheit zu leiden anfing, was ihn hinderte, größere Arbeiten zu unternehmen. Nachdem er in Rom an Lethiere’s Stelle geräumte Zeit die Direktion der französischen Akademie geleitet hatte,

suchte er sich im Vaterlande zu erhalten, ging aber auf Zureden Horace Vernet’s, des nachmaligen Direktors derselben Akademie, wieder nach Rom, um dort die verlorenen Kräfte wieder zu finden: Anfanglich hatte man Hoffnung, aber bald wendete sich das Los, und Guerin starb im Hause der Familie Vernet, mit dem Rufe eines bescheidenen und unermüdeten Künstlers. Ein besonderes Verdienst erwarb er sich um die Zöglinge der Akademie zu Rom durch die Gewissenhaftigkeit seines Rathes, und durch die Trefflichkeit seines Unterrichtes. Schon 1803 wurde er Ritter der Ehren-

Jegion ‚. 1817, jener des ‚Ordens ‚vom hl. Michael; und 1824 Baron. Das französische Institut nahm ‚ihn erst in den letzten Jahren unter seine Mitglieder auf. Schon früher war er den Akademien von Rom, Florenz, Turin, Antwerpen etc. einverleibt.

Von den Gemälden dieses Künstlers müssen wir noch mehrerer erwähnen. Im Jahre 1802 sah man sein Opfer des Aesculap, jetzt in Trianon, und 1806 die Darstellung Napoleons, wie er als Obergeneral den Empörern von Cairo verzeiht. Dieses Bild zählt man zu den Hauptwerken der französischen Schule. Im Jahre 1810 erschien seine Andromache, welche vor Pyrrhus um das Leben des Astianax fleht, ein Bild, das weniger theatralisch erscheint, als andere Werke der David’schen Schule. Die Gruppe der Mutter und des Kindes ist ungesucht, wahr und natürlich. In der Galerie Luxembourg kann man den Beleg dazu finden. Richomme hat dieses Werk gestochen. Ein anderes Bild aus jener Zeit stellt Aurora und Cephalus vor, das uns auch durch Forster’s Stich bekannt ist. Man rühmt dieses Gemälde als trefflich, wenn es nicht zu sehr durch die Eleganz der Darstellung besticht. Graf Sarmariva erhielt es.

Ein vielbesprochenes Werk ist Guerin’s Darstellung des Aeneas, welcher der Bido seine Abentheuer erzählt, im Palaste Luxembourg, 9 F. hoch und 12 F. breit, und gestochen von Forster. Einige weisen diesem Bilde einen hohen Rang unter den Kunstwerken zu. Man findet den Stil erhaben, das Ganze einfach, zierlich im Einzelnen, und geschmackvoll bei großem Reichthum. Der Hintergrund soll meisterhaft behandelt sein, indem der heiße Ton der Luft, des Meeres, der Landschaft den afrikanischen Himmel ausspricht. Aeneas und der Knabe Askanius entging der Kritik nicht, in der Dido aber soll der Künstler den Sinn der Worte Virgils (Aen, IV. 60): „est mollis flamma medullas“ auf die Leinwand hingezaubert haben. Andere nennen dieses colossale Bild ein heroisches Conversationsstück mit so leeren Köpfen und so zierlich ausgeschmückt, dass selbst entschiedene Bewunderer jener Schule es ganz treffend mit dem Putzladen einer Modehändlerin verglichen haben. Einen gleichen Rang räumt man auch dem Gemälde der Clytemnestra ein, dem 11 F. 0 Z. hohen und 11 F. 9 Z. breiten Schaustücke derselben Gallerie. In diesem Stücke herrscht theatrialer Pathos, der nicht von jedem mit gleichem Wohlgefallen aufgenommen wird. Es wird indessen dieses Werk sehr gelobt. Nie soll Aeschylos Clytemnestra besser geschildert worden sein, als gerade hier. Die wankenden Schritte der Königin, das Unsichere, ein gewisses Zusammensinken der ganzen Gestalt, das ihre Anstrengung und Unentschlossenheit ausdrückt, die abgewendete Richtung des Dolches, der Agamemnon’s Schlummer in den Todesschlaf verwandeln soll. Alles ist mit der Handlung übereinstimmend. So schön auch die Stellung der Königin ist, so soll diese dennoch der Kopf übertreffen, welchen man zu den erhabensten Schöpfungen der Kunst zählen will. Aegisth ist, was er sein soll; ohne Adel; seine Züge drücken Furcht aus. Agamemnon’s Gestalt ist im erhabenen Stil gezeichnet, doch fand man in seinem Schlummer nicht den Ausdruck der Natur. Indessen glaubte man 1817, dass die Bedeutsamkeit eines Gemäldes nicht höher gesteigert werden kann.

Im Luxembourg ist auch Guerin’s hl. Genovefa, die Patronin von Paris. Sein letztes Gemälde stellt im Doppellichte des Mondes und der Feuersbrunst den Pyrrhus in dem Augenblicke dar, wie er den alten Priam zu den Füssen des Altars im Angesichte der Hecuba und ihrer Töchter ermordet, während rückwärts He-

Jena führt, Cassandra — aber unbeweglich stehend, die Erfüllung ihrer Geschichte erkennt. Guerin hat auch mehrere Porträts ge- malt. Alle seine Werke, von denen die meisten gestochen wurden, sind mit großer technischer Meisterschaft behandelt und korrekt in der Zeichnung. Die Färbung ist sehr klar, aber nie so kräftig, wie jene der Bilder David’s und Girodet’s.

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