Giordano, Luca Cav.

Giordano, Luca Cav., Historienmaler , geboren zu Neapel 1632, gest. daselbst 1705. Von der Natur mit großem Talente begabt, fing er an unter Leitung seines Vaters die Anfangsgründe der Kunst zu studieren, allein dieser fand es, selbst nur mittelmäßig, für gerathener, den Sohn in Ribera’s Schule zu geben, aus welcher er in jene des Pietro da Cortona überging. Doch stand er fortwährend unter väterlicher Aufsicht, und dieser trieb ihn beständig zur Arbeit an. Luca musste ihm das Brot verdienen helfen, anfangs durch Zeichnungen nach berühmten Meistern, deren Giordano eine Menge fertigte, da sie gut bezahlt wurden. Die Zimmer und die Logen Rafael’s im Vatikan zeichnete er zwölfmal, die Constantins-Schlacht wohl zwanzigmal, und häufig Michel Angelos, Polidoros und anderer trefflicher Meister Werke. Der Vater liess ihm kaum zum Essen Zeit und man erzählt, dass er ihm während des Arbeitens die Speisen in den Mund steckte, dabei ihm beständig in die Ohren rufend: Luca fa presto, Luca, mach hurtig! Daher soll Giordano ’s Beinamen „Fa presto“ kommen. Auf diese Weise erlangte er auch eine wunderbare Schnelligkeit, so dass er von Einigen der Blitzstrahl der Malerei genannt wurde, aber eben dadurch gewöhnte er sich an Oberflächlichkeit in Composition und Zeichnung, für welche ein glänzendes, doch gehaltloses, Colorit Ersatz geben sollte. Seine leichte und bewegliche Hand unterstützte eine reiche Phantasie, die ihn beim Entwurfe der Mühe überhob, und dann war ja die Zeit gekommen, in welcher man an dem Reize der Äußerlichkeit hing; es gab damals keine sinnigen Beschauer, welche auf Durchbildung des künstlerischen Gedankens sahen. Sein Colorit und seine Lichteffekte staunten die Laien an; solche Eigenschaften gefielen auch den Critikern, und diese wussten damals, bei der argen Lage der Kunst, dennoch ganz gut von Gruppierung, Beleuchtung, Hell-Dunkel, vom Contrapost u. s. w. zu sprechen. Er ist auch wohl einer der rüstigsten Pinselführer, und einige seiner Bilder, in denen er sorgfältig studierend, nicht als Fa presto erscheint, zeigen, was sein großes Talent hätte leisten können. Dieses ging bei seinem handwerksmäßigen Kunstbetrieb leider verloren, da er bei Alles aufraffender Nachahmung nur zu wenig zur Gediegenheit und Ruhe gelangte. In seinen Bildern ahndet man ungemeine Kräfte, einen Geist, welcher im Stande war, schnell den Gedanken im Bilde zu fassen, allein er fand die Ruhe nicht, um in die Tiefe einzudringen, und Bedeutung und Inhalt zu gewinnen. Bei Giordano ist Alles auf den Effect berechnet, und in Hinsicht auf charakteristische Durchführung, auf ideale Auffassung, kann bei einer oft bis zum Handwerksmäßigen gehenden Darstellung keine strenge Genügelei stehen. Erhabenheit und reine Schönheit darf man bei ihm nicht suchen. Ausgesuchte Formen, eine liebevolle Ausführung in den einzelnen Teilen ist bei Giordano nicht anzutreffen, Fa presto nahm sich nicht Zeit dazu. Die Figuren sind nicht selten bloß da, um die Lücken zu füllen, und so kann die Composition nicht von ächtem Inhalt sein. Die Grenzen des Strengen und Ernsten in der Kunst waren einmal überschritten. Ihnen wich schon Pietro da Cortona aus, und Giordano und Gauli entfernten sich noch mehr davon. Sein Colorit aber ist, obgleich unwahr, besonders im Hell-Dunkel, gefällig blühend, und zuweilen von angenehm harmonischem Ton. Dazu kommt ein bewunderungswürdiger Reichthum der Phantasie, welche ihre augenblicklichen Ergiessungen auch augenblicklich auf die Tafel zu werfen wusste, wie Goethe sagt, im Werke: Winckelmann und sein Jahrhundert, S. 2530. Die grosse Mannig_

Vielfalt tritt in seinen Gemälden jedoch nur in Stellung und Bewegung, und in den verschiedenen willkürlichen Nothbehelfen hervor, in den Gesichtern ist dieses nicht so sehr der Fall. Man trifft häufig dieselben Gesichter, und in weiblichen Figuren kopierte er oft seine Frau. Es scheint also, dass Fa presto aus lauter Eile sogar die Verschiedenheit der menschlichen Anthropologie übersah.

Das ausserordentliche Talent, jeden Styl nachzuahmen, erwarb ihm den Beinamen des Proteus der Maler. Er malte Bilder in Albrecht Dürer’s, Bassano’s, Tizian’s und Rubens Manier, und damit täuschte er oft Künstler und Kunstkenner. Diese Bilder wurden dann im Kauf doppelt und dreifach so hoch bezahlt, als ein gewöhnlicher Giordano. Proben solcher Art hinterließ er in den Kirchen zu Neapel, wie in der Geburt des Herrn in St. Therese, in Guido’s Weise, Von einer heil. Familie, die der König von Spanien erhielt, sagt Mengs in einem Briefe. (Opere etc. 11.67), dass derjenige, der die wesentliche Schönheit Rafael’s nicht kennt, von Giordano’s Nachahmung getäuscht werden könnte. Einem und demselben Style blieb er nie ausschliesslich zugethan. Anfangs scheint er Spagnolet (Ribera) und andere Spanier zum Vorbilde gewählt zu haben. Dann suchte er den Haupteffekt in der Beleuchtung, und in Bildern dieser Art ist auch das Hell-Dunkel und die Carnation zu loben. Nachher betrachtete er Paolo Veronese, besonders zum Studium der Verzierung, mit welcher er ebenfalls das Auge besticht. In der Anordnung liebte er Gegensätze, grosse Lichtmassen, wie sein Meister Cortona, und hier beobachtete er auch eine gewisse Regelmässigkeit; er war dabei nie verlegen, den leeren Raum auszufüllen, gleich mit einer Figur bereit, die er vor die Lücke stellte, unbekümmert, ob sie im geistigen Zusammenhange stehe oder nicht. Am meisten ist er Giordano, wie immer Fa presto, wenn er in der Fülle und in der Pracht des Colorits schwelgte. Unter diesem Flitter verbarg er oft die Mängel der Zeichnung und den liebevollen Fleiss der Ausführung. Seine Figuren erscheinen dann in einer sonderbaren Aufwältigung des Blutes; die Carnation geht in’s Rothe über und sie wird unnatürlich. Dass er nicht zum Muster dienen könne, fühlte er indessen selbst, und er warnte die Schüler, wenn sie dem trügerischen Wesen seiner Kunst folgen wollten. Es ist aber nicht anzunehmen, dass Giordano nicht die wahren Gesetze der Kunst gekannt habe. Er konnte richtig zeichnen und überhaupt Treffliches leisten, nur ist dies bei ihm nicht oft der Fall. Seine Gewinnsucht, die keine Arbeit verschmähte, war stärker als das Gefühl für wahre künstlerische Ehre, und daher begegnet uns häufig nur der oberflächliche Fa presto, selbst mit den gemeinsten Aufträgen beschäftigt.

Die Zahl von Giordano’s Gemälden ist sehr gross. Sie wurden ehedem angestaunt und zu hohen Preisen bezahlt; jetzt betrachten sie viele nur als geringfügige Ware eines Manieristen. In Neapel war früher kein Privathaus ohne einen solchen Fa presto, und es war auch keine Kirche, die sich nicht eines solchen rühmte. Die Vertreibung der Käufer aus dem Tempel bei den Hieronymitanern wurde bewundert, aber die Architektur ist von Mascatiello gemalt. Unter den Frescogemälden gibt man jenen im Tesoro der

Carthusianer, aus Giordano’s reiferem Alter, den Vorzug. Die in der Wüste aufgerichtete Schlange, und der von den Schlangen fürchterlich zerrissene Judenhaufe überraschen. Auch durch sein Kuppelgemälde der heil. Brigitta machte er sich sehr bekannt. Er führte dieses Werk in kurzer Zeit aus; im Wetteifer mit Francesco

Giordano, Luca C. Cav.

di Maria, den er hier an Schnelligkeit des Pinsels weit übertraf. Wundershalber zeigt man bei den Jesuiten auch das Gemälde mit Franciscus Xaverius, der die Japaneser tauft. Dieses figurenreiche Bild zeigt diesen Künstler als wahren Fa presto, denn er malte

es in anderthalb Tagen, ohne vorher einen Entwurf zu machen.

Doch pries man das Werk als vortrefflich, und der Vicekönig von Neapel rief beim Anblicke desselben aus: Wer es gemalt hat, ist ein Engel oder ein böser Geist. Giordano war in Neapel un- umschränkter Kunstbeherrscher, seiner Macht unterlagen alle seine Nebenbuhler, unter welchen besonders Francesco di Maria und sein Anhang zu nennen ist. Der junge Waghals erregte Eifersucht und man nannte ihn einen Kunstfreidenker, was er wirklich war. Allein ihn kümmerte dieser Vorwurf nicht, und er schalt seine Gegner hartnäckige Hebräer, die sich hinter ihr ranziges Gesetz verschanzen. Nach seiner Ansicht war jener der beste Maler, er dem Publikum am besten gefiel, und demnach war er selbst dieses, denn keiner gefiel in höherem Grade, als Giordano. Doch die Zeit hat gerichtet.

Nachdem Fa presto im Vaterlande eine Anzahl von Werken aus- geführt hatte, ging er 1607 nach Florenz, um auch hier sein licht leuchten zu lassen. In dieser Stadt malte er an Carmine die Kuppel der Capelle Corsini und später die Gallerie Riccardi. Diese Malereien, früher unter Volpato’s Leitung gestochen, sind seit 1822 auch durch die Stiche Lasinio’s bekannt, der die Galleria Riccardiana in zarten, mit Geist behandelten, Umrissen heftweise herausgab. In Florenz malte Giordano ausserdem auch für Kirchen und für andere Privaten, besonders für das Haus del Rosso, welches von seiner Hand Bacchanale besass, die dann in den Besitz des Marchese Gino Capponi übergingen. Er malte auch für den Fürsten, und Cosmus III., vor welchem er eine Probe seiner Fertigkeit abgelegt hatte, sagte, dass er ein für Fürsten gemachter Maler sei.

Im Jahre 1690 erhielt Giordano einen Ruf nach Spanien, denn auch Karl II. hatte seinen Ruf vernommen. Er lebte 13 Jahre in Spanien, bewundert wie anderwärts, von Karl II. fast vergöttert. Dieser ernannte ihn zum Ritter, als er ihm das Gegenstück zu einem Bassano ganz in derselben Weise gemalt hatte. In der Kirche San Lorenzo del Escorial stellte er in acht getrennten Gewölben eben so viele Bilder dar, von denen es im Kunstblatte 1822 Nro. 64 heißt, dass jedes einzelne ebenso vollendet und wahr sei, als das Ganze gross und hinreissend. Indessen öffnete erst Giordano in Spanien dem Verfalle der Kunst alle Thore, denn in jenem Lande hat sie sich länger rein erhalten, als in Italien. Giordano’s Gemälde im Escorial sind nicht begrenzt, die Gewölbe der Kirche öffnen sich und lassen frei in Himmel und Hölle blicken. In den Gestalten herrscht un- gemeine Bewegung und die Farben sind noch so frisch, als wenn sie erst aufgetragen wären. Im ersten Gewölbe sieht man die Ver- kündigung und die Empfängnis Mariä, die Geburt Christi, die Anbetung der Engel und der Könige, die Sibyllen etc. So fort eine Schaar von Engeln und Seligen, den Triumph der Kirche, Maria auf dem Triumphwagen, den Tod der heil. Jungfrau, das letzte Gericht, den Zug der Israeliten aus Ägypten und deren Sieg über die Amalekiter. Über der großen Treppe des Klosters stellte er die Glorie des Himmels vor. Es sind diese reiche und weitläufigen Bilder, und doch malte Fa presto diese Mole de pintura, wie es heißt, in sieben Monaten. Andere Wandbilder hinterließ er in S. Antonio, im Palast Buen Retiro und auch für

Giordano, Luca Cav. 187

  • Privaten führte er Gemälde aus: Besonders gelobt würde die Geburt

Christi, welche in den Besitz der Königin Mutter gelangte. Hätte er immer so gearbeitet, sagt Länzi I. 605, so würden Einige nicht behauptet haben, sein Beispiel habe auf die spanische Malerschule verderblich gewirkt. Im Escorial sind außer den erwähnten noch viele andere Bilder von Luca: St. Johannes kniend, die büssende Magdalena, Noah im Rausche, Bileam und sein Esel, St. Domingo vor der heiligen Jungfrau, Johannes in der Wüste, St. Hieronymus in der Wüste, Christus nach der Fasten in der Wüste von Engeln bedient, die Himmelskönigin, Marsyas, Hiob und die drei Freunde, Jael den Sisserah tödend, und noch 14 andere Bilder. Im Prado sind 11 Gemälde von ihm, in denen er den Stil Rafael’s, Guercino’s, Rubens’ und Dürer’s nachahmte.

In der Eremitage zu St. Petersburg sind 20 Bilder von Fa presto, Hier ist der junge Bacchus, bei seinen Hirten schlafend, ehedem in Houghtonhall und von Boydell gestochen. Das Gegenstück stellt die schlafende Venus dar, und ein anderes das Urteil des Paris, lauter Effektstücke in Beleuchtung. In Houghtonhall war auch das Gemälde mit den schmiedenden Cyklopen, ebenfalls bei Boydell gestochen. Eine grüsstliche Zusammenstellung ist der bethlehemitische Kindermord in derselben Galerie, und erwähnenswerth auch die Grablegung Christi in Berettini’s Manier.

Auch die deutschen Gallerien haben viele Bilder von Giordano, wie jene von München, Dresden etc. In letzterer sind 12 solcher Gemälde: Loth und seine Töchter, Jakob und Rahel am Brunnen, Perseus, Susanna im Bade, Ariadne auf Naxos, der Tod des Seneca etc. Indessen können wir die zahlreichen Werke dieses Meisters der Beschränktheit des Raumes wegen nicht alle verzeichnen und wir müssen daher die vielen andern Gallerien unberührt lassen. Zu jener Zeit durfte in einer Sammlung nicht leicht ein Bild von Giordano fehlen, denn er stand bis an sein Ende im Rufe des größten Malers seiner Zeit.

Nach dem Tode Karls II. kehrte er, nun alt geworden und mit Schätzen überhäuft, in’s Vaterland zurück, wo er in Rom an Clemens XI. einen Bewunderer fand. Endlich setzte zu Neapel im Schoße des Glückes der Tod seinem Streben ein Ende.

Unter den nach ihm gestochenen Blättern werden in Füssly’s raisonnirendem Verzeichnisse III 195 — 207 diejenigen hervorgehoben und gewürdigt, welche Earlom (Urteil des Paris, Bacchus als Jüngling, Galathea auf dem Delphin), Beauvarlet (Raub der Europa, Galathea und Acis, das Urteil des Paris, der Raub der Sabinerinnen), Murphy (Vulkan’s Werkstätte), Pichler (Venus und Mars im Netze), Ravenet (Sophonisbe und Massinissa), Levasseur (Apollo und Délme), Desplacas (der keusche Joseph), Monaco (Petri Fischzug, Flucht in Ägypten) stachen. Die von Giordano im Palast. Buenretiro haben J. Barcelon und Barsanti gestochen.

Auch er selbst hat mit leichter und geistreicher Nadel in Kupfer gearbeitet, in einem Geschmacke, der an Spägnolet erinnert. Bartsch, P. gr. XXI. pag. 174, verzeichnet folgende Blätter von seiner Hand: Das Opfer des Elias vor den abgötterischen Israeliten: L. Jordanus F. Francesco palmiero formis. H. 13 Z. 2 L., Br. 18 Z. 6 L. Die ersten sehr seltenen Abdrücke, sind vor der Adresse.

Ein unzweifelhaft von Giordano und selten. H. 9 Z. 2 L., Br.

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Christus im Tempel unter den Schriftlehrern; im Grunde rechts sieht man Maria und Joseph kommen, H. 10 Z. 8 L., Br. 15 Z. 2 L. Die Abdrücke vor Palmieru’s Adresse sind sehr selten,

Maria bei dem Leichnam des göttlichen Sohnes am Fusse des Kreuzes. Johannes auf den Knien fasst dessen Rechte. An einem Steine vorn steht: Jordanus F. Dieses ist vielleicht der erste Ver- such des Künstlers, denn er verräth keine so grosse Sicherheit als die übrigen. H. 9 Z. 9 L., Br. 14 Z. 6 L.

Christus und die Ehebrecherin, welche die Juden vor ihn füh- ren. Sie steht mit gebundenen Händen zwischen Soldaten und liest, was Jesus auf dem Boden geschrieben. Lucas Jordanus F. 1658 H. 13 Z. 2 L., Br. 18 Z. 0 L. Die Abdrücke ohne Palmieri’s Adresse sind sehr selten.

St. Anna im Himmel von der heil. Jungfrau und von Christus empfangen. Oben hält Gott Vater eine Krone über die Heilige. Diese Figuren sind auf Wolken, von Engeln getragen: Lucas Jordanus In. et sculp. H. 11 Z. 9 L., Br. 9 Z. 5 L.

Die ersten Abdrücke vor den Worten In, et sculp., sind sehr selten.

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