Gerard, François

Gerard, François, berühmter Historienmaler , der tüchtigste Schüler der während des Kaiserreiches unter David blühenden sogenannten klassischen Schule. Er wurde 1770 in Rom geboren, kam aber schon früh mit seinem Vater, einem Franzosen, nach Paris , wo er im dreizehnten Jahre die Werkstatt des Bildhauers Pajou besuchte. Allein er fühlte zur Bildhauerei weniger Beruf als für

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die Malerei ; und daher ging er zu Brenet, einem mittelmässigen Maler, um sich derselben zu widmen. Doch bald verliess er auch Brenet und eilte in David’s Werkstätte, der durch den glänzenden Erfolg seiner Horatier der Kunst eine neue Bahn brach, und um welchen sich damals alle jungen hoffnungsvollen Künstler versammelten, wie Drouais, Girodet, Gros, Guerin, Fabre von Montpellier und Gerard, der sich bald vor allen auszeichnete. Im Jahre 1789 erhielt Gerard den zweiten Preis der Malerakademie zu Rom; da wider seine Erwartung Thevenin den ersten gewann, doch schreckte ihn dieses nicht ab, es mit einem zweiten Gemälde zu versuchen. Rom konnte er erst 1791 sehen, er kehrte aber im selben Jahre wieder nach Paris zurück, weil ihm bei längerem Aufenthalte die Gefahr drohte, auf die Emigranten-Liste gesetzt zu werden. Bei seiner Ankunft fand er die Revolution in vollem Ausbruch, und die geringen Einkünfte seiner Familie waren zu nichts herabgesunken. Seine Mutter, eine Italienerin, war unterdessen gestorben, und es blieb ihm plötzlich, ohne alle Hülfs- mittel, die Sorge für die Erziehung zweier Brüder und einer jungen Tante, seiner Mutter Schwester, und er bald darauf heiratete. In dieser verhängnisvollen Zeit erschien ihm Didot als rettender Engel. Die Gebrüder Didot unternahmen nämlich damals ihre herrliche Ausgabe des Virgil, des Racine, jene von Daphnis- und Chloe; und sie wandten sich an David, um die Zeichnung zum Virgil zu erhalten. Dieser empfahl ihnen Gerard und Girodet, welche die Zeichnungen zur Zufriedenheit ausführten, und dadurch gegen Mangel und Entbehrung Schutz fanden. So beschäftigte er sich mehrere Jahre mit kleinen Arbeiten, um die nützigsten Be- dürfnisse zu befriedigen, aber im Jahre 1794 war er Willens ein erstes bedeutendes Werk zu fertigen. Der 10. August bot dazu eine Revolutions-Scene. Gerard überreichte der Commission eine Skizze; Zeitumstände aber verhinderten die Ausführung eines Ent- wurfes, welcher nach dem Urteil der Kenner eines seiner vorzüglichsten Werke geworden wäre. Allein Gerard war nicht bestimmt Revolutionsmaler zu sein, und mit der Darstellung des 10. Au- gusts, d. h. mit dem Grabe des Königthums, mit der Entthronung der Bourbons seine künstlerische Bahn zu eröffnen. Im Jahre 1794 dachte er wieder auf die Anfertigung eines Gemäldes für die Ausstellung, allein wer sollte unterdessen für seine Familie sorgen? Jesabey der Vater sicherte ihm jedoch als erstes Gebot eines jeglichen Gemäldes 500 Louis d’or zu, mit der Befugnis Gerard’s, es einem andern Käufer für einen höhern Preis zu überlassen. Jetzt unternahm Gerard seinen Belisar, der durch Desnoyers Kupferstich bekannt ist, und durch andere Nachbildungen. Dieses berühmte Werk kam zuerst für den Preis von 100 Louis d’or in die Hände des holländischen Gesandten und später nach München, wo es jetzt in der Herzoglich von Leuchtenbergschen Galerie bewundert wird. Nach zwei Jahren erschien ein anderes Werk, das der Meister mit Kummer und Entbehrung mühevoll gepflegt, seine Psyche. Gerard betrachtete dieses Werk mit Vorliebe, und er legte bis an seinen Tod auf selbes einen ausgezeichneten Werth. Allein unbarmherzig waren die Urteile gegen dieses Bild; laut war der Tadel, bitter und allgemein. Doch spricht der Umstand zu seinen Gunsten, dass die Psyche, die anfangs unter allem Preise blieb, nach Verlauf von drei Jahren für 6000 Fr., späterhin an General Rapp für 15000 Fr., und nach dessen Tod für 30.000 Fr. für die Galerie Luxembourg angekauft wurde. Indessen entwickelte Gerard in seinem Belisar eine grösse re Master- schaft, und das Edle der Erfindung und die Natürlichkeit der Auf-

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Die Fassung zeigte ein Streben, das auf etwas Tieferes gerichtet war, als die David’sche Schule es beabsichtigte. Sein in einer eigenen Art behandeltes Gemälde mit Amor und Psyche, das auch durch G. Bodmer’s schöne Lithographie bekannt ist, ist weniger gründlich in der Ausführung, und es erinnert in manchem Betracht mehr an David’s Manier.

Ein erwähnenswertes Werk ist auch sein durch Godefroy’s Stich bekannter Ossian, welchen der erste Consul für Malmöison bestimmte, und 1808 sah man auf der Ausstellung seine Darstellung der vier Lebensalter, jenes philosophische Bild, das in seiner Rein- heit und Einfachheit die ganze Menschheit anspricht. R. Morghen hat es gestochen. Im Palais Royal zu Paris ist eine Kopie davon; das Original wurde an die Königin Caroline verkauft und gegen- wärtig ist es in den Händen der Regierung von Neapel. A. Mas- sard hat das berühmte Gemälde mit Homer gestochen, so wie spä- ter das Bildnis Carl X., und ein früheres merkwürdiges Bild, die

Schlacht von Austerlitz, ist wieder durch Godefroy’s Stich bekannt. Dieses grosse Schlachtstück malte der Kaiser für die Tuilerien, aber Ludwig XVIII. glaubte statt der Austerlitzer Schlacht, welche doch den Ruhm seiner Nation verkündete, ein anderes Bild setzen zu müssen, und er bestellte 1816 bei dem Maler jener Schlacht den Einzug Heinrich IV., welcher jetzt im Louvre dem Schlachtbilde friedlich gegenüber hängt. Louis-Philippe findet dar- in nichts Ominöses, wie jener Bourbon. Im Einzuge Heinrich IV., welchen Toschi meisterhaft gestochen, zeigt sich Gerard auf einer hohen Stufe der Kunst. Geleitet durch häufige Beschäftigung mit Bildnismalerei bahnte er sich der David’schen Schule gegenüber ei- nen Weg, auf dem er Wahrheit, Lebendigkeit und ernste Grässen ohne theatralischen Pomp und antikisierende Formen erreichte.

In diesem großen Bilde zeigte er sich ebenso grandios und leben- dig in der Composition, als frei von aller Affektation, dem Einfach-Natürlichen ergeben, dass dieses Gemälde an grossartiger Würde, wie an Kraft und Klarheit der Farbe sehr gut neben den gefeierten Schlachten eines Lebrun bestehen kann. Mit dem Einzuge Hein- rich IV. erwarb sich der Künstler auch allgemeinen Beifall. Es wurde ihm der Titel eines Barons zu Teil, eines Malers des Königs, und das Officierkreuz der Ehrenlegion. Das Gemälde mit dem Einzug Heinrich IV. war des Künstlers Triumph, aber dieser wurde ihm nicht im gleichen Maße mit der Darstellung der Salbung Carl X. zu Teil, in seinem großen Krönungsgemälde, das er 1827 vollendete. Dieses Gemälde wurde der Gegenstand bitterer Kritik. Eine eigene Schrift, betitelt: Le peuple au Sacre, critique de tableau de Mr. Gerard par A. Jall, zeigt die Mängel desselben, und legt den Personen, welche es bei der Ausstellung sahen, Ur- teile über das Bild in den Mund, die eben nicht zu dessen Ruhm gereichen. Es heißt, Baron Gerard sei lange Zeit kalt und trocken in seinen Gemälden gewesen, und nun auf einmal ein Colorist ge- worden, allein dadurch, dass er seine Manier habe ändern wollen, sei er in eine noch mangelhaftere gefallen. Die Köpfe seines Bil- des nannte man transparent, wie Laternen von Horn, worin das Licht brennt. So steht es im Capitel la couleur; sehr boshalt ist jenes: Le peuple au Sacre. In einiger Hinsicht trösteten den

Künstler wohl die 80.000 Fr., welche er für dieses sein bourbonisches Triumph-Gemälde erhielt. Es ist indessen eine höchst miss- liche Sache, bei solchen Prunkstücken den reinen Anforderungen der Kunst zu entsprechen. In der Julirevolution erlitt dieses Gemälde grosse Schäden durch jene bekannte Heldenschar. Der Kopf des Königs wurde durchschossen, so wie der des Dauphin,

Durch den Mantel des Herzogs von Aumont geht ein breiter Riss, Das Gemälde mit dem Einzuge Heinrich IV. hat nur einen einzigen Riss bekommen; die Kugel traf Sully’s Stirne. Bei jener Ge- legenheit ist auch das Portrait Karl’s X., von Gerard als Cuirassier dargestellt, ganz verschwunden. Der erste, der es anrührte, riss ihm den Kopf ab und steckte ihn in seine Tasche, und bald war nur mehr der Rahmen übrig. Gerard malte den König auch im Krönungsornate und zwar mit grosser Praktik. Atlas, Gold und Spitzen treten fast reliefartig hervor, Orden und der Mantel sind mit hohen glänzenden Lichtern dargestellt; allein man vermisste die treue Charakterzeichnung. Das Bild zeigte weder den König noch den alternden Mann, weder Würde noch Gutmüthigkeit, sondern vielmehr in Farbe und Ausdruck die noch gefallsüchtige Matrone.

Gerard malte auch Ludwig XVIII. ; einmal, wie er in seinem Ca- binette sich befindet, und Ludwig XIV. stellte er mit seinem En- kel dar, ein reiches Bild, schön und glänzend gemalt. Meisterhaft ist seine Darstellung von Daphnis und Chloe, das Mädchen in der Grotte auf den Knieen eines Jünglings, und besonderen Ruf erwarb ihm auch das Bild der Corinna auf dem Vorgebirge My- sene, dasjenige Gemälde, welches 1822 auf der Pariser Kunstaus- stellung den Stempel der Meisterhand am vollkommensten trug. Dieses schöne Bild wurde auch in Deutschland durch den Umriss im Kunstblatte bekannt. Ein anderes Bild, welches 1828 die Be- schauer in Freude und Bewunderung versetzte, stellt die heil. Theresia dar, eine graziöse Gestalt von bezaubernder Schönheit des Gesichtes, auf welchem sich die geläuterte Seele spiegelt, die zur Heimath des ewigen Friedens emporstrebt. Das Feuer im schwärmerischen Gesichte fand hie und da Tadel bei denjenigen, denen eine rafaelische Heilige vorschwebte, die in ihrer Reinheit den Himmel schaut. Besonders zu erwähnen sind noch: Philipp V. 18214, die Pest zu Marseille, Louis Philipp im Stadthause und die Gemälde der vier Strebebogen in der Kirche der heil. Genovefa.

Gerard weihte seinen Pinsel auch häufig der Reproduktion merkwürdiger Personen: Napoleon als Consul und Kaiser, seine Ge- nerale, die heil. Alliance und ihre Heerführer und auch die Restauration bediente sich seiner Kunst. Die Invasion brachte ihn also keinen Schaden, und seine politischen Gesinnungen trieben ihn nicht aus dem Vaterlande. Einen frühen Namen als Portrait- maler machten ihm die Bildnisse der Mile. Brognart und des Ge- neral Moreau. Gerard malte auch Josephine als Mutter, Bonaparte, Bernadotte, Talleyrand, den Desnoyers meisterhaft gestochen , Mar- schall Soult, Lord Granville, die Königin Hortense, Cauning, Humboldt, Talma, Canova, die Frau von Staël, Frau von Re- camier, Regnault de Saint-Jean d’Angely, den Herzog von Berry und dazu die Porträts fast sämmtlicher Souveraine, die sich 1814 zusammenfanden. Selten mag er ein Werk mit solcher Begeisterung unternommen haben, als das Bildnis der Schauspielerin Mars, welches Lignon gestochen , und Grevedon lithographirt hat. Gerard malte aber diese Künstlerin zweimal. Einmal ist sie als auf der Bühne stehend gedacht, wie uns Lignon’s Stich verkündet, während Grevedon sie lithographiert, mit einem in der Eile umgewor- fenen Pelz darstellt.

In: Goethe’s Werken finden sich einzelne Beschreibungen von sol- chen Portraiten.

Gerard behielt von jeder seiner Arbeiten eine Zeichnung zurück und so befand er sich nach und nach in dem Besitze eines wahr- haft historischen Bildersaals. Bei einem sehr getreuen Gedächtnisse

... geichnete er auch ausserdem die Besuchenden, die sich nicht ma- ßen liessen, und so vermochte er uns eine wahrhaft weltgeschicht- liche Galerie des 18ten und eines Theils des 19ten Jahrhunderts vorzulegen, in welcher jede Person in seiner Individualität, auch mit charakteristischer Umgebung sich zeigt. Im Jahre 1826 fing er an, diese Bilder durch eine höchst geistreiche Nadel dem Publicum zu überliefern, unter dem Titel: Collection des Portraits historiques de Mr. Le Baron Görard, premier peintre du Roi, gravées à l'eau- forte par M. Pierre Adam, précédée d'une notice sur le portrait his- torique.

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