Ficarolo, Nicola da

Ficarolo, Nicola da, Bildner und Baumeister von Ficarolo in der

Nähe von Ferrara , verfertigte mit einem Meister Wilhelm die

Sculpturen am Portal der Kirche St. Zeno zu Verona . Es ist

dieses eine Reihe von Ficarolo’s Werken aus dem älteren und neuen Testamente. Ferner sind diese Künstler die Urheber der Reliefs am Portal

des Domes zu Ferrara und Mödena, die in Vorstellung und

Ausführung dasselbe Gepräge tragen. Die Arbeiten zu Modena

dürften, nach der Inschrift im Jahre 1009 von Wilhelm vollendet,

denen zu St. Zeno, die gleiche Jahrzahl tragen, und denen am Dom

Ficarolo, Nivola da.

zu Ferrara, deren Vollendung nach den leonischen Versen in das Jahr 1135 fällt, vorangehen.

Vergleicht man diese Werke untereinander, so zeigt sich eine in keiner Beziehung ausserordentliche Phantasie, die nie müde ward, in die Tiefe des vorliegenden Gegenstandes sich zu versen- ken und denselben fort und fort zu wiederholen, die aber auch den gegebenen Inhalt zu keinem eigenthümlichen Ganzen zu ver- binden verstand, und desselben nicht auf freie Weise sich bemei- sterte. Hin und wieder wird das Bedeutendere dem Unbedeuten- deren vorgezogen, aber eine ganze, eine eigentliche poetische Schöpfung tritt nirgends hervor. Der Inhalt hält den Geist des Künstlers noch gebunden, und erlaubt ihm keinen freien Flug. Aus dieser Gebundenheit des Geistes lässt es sich auch erklären, dass meistens von den biblischen Gegenständen diejenigen ausge- wählt sind, welche Ruhe oder Freude athmen, dagegen sind diejenigen durchgehends vermieden, welche Leiden, Qualen und Marter hei- liger Personen darstellen. In dieser Beziehung schließen sich diese Werke den älteren christlichen Denkmälern an. Auch fehlt hier die Krönung der Maria noch gänzlich.

Ist auch in diesen Werken kein bedeutender Fortschritt sicht- bar, der zur Annahme verschiedener Manieren berechtigte, so lässt sich doch aus der Behandlung selber die chronologische Folge derselben ziemlich wahrscheinlich bestimmen. Allen ist das Streben nach Charakteristik gemeinschaftlich; die Eva in den Werken zu Modena schon hat einen volleren, weicheren Körper, herabhängendes, freilich schwerfälliges Haar, angedeutete Brüste; Gott Vater erscheint hier schon in dem langen Gewande, mit länglichem Gesicht und hervortretenden Backenknochen; Abel als derjenige, dessen Opfer Gott wohlgefallen, wird durch ein volleres Gesicht und schlichtes Haar, Kain dagegen durch das Gegenteil bezeichnet. Es geht somit die Kunst über das bloße Streben noch nicht hinaus, denn es kehren die großen Röpfe, welche eigentlich bloss angezogen sind und den Mund fast nur als langen Einschnitt haben, und die im Verhältnis um Vieles zu kleinen Körper überall wieder, Hände und Füße werden nur angedeutet. Auch die Gewandung bleibt bloss umgeworfen, die einzelnen Teile des Körpers treten nirgends hervor. Um aber der dadurch notwendig entstehenden Fläche das Einförmige zu nehmen, sind einige Vertiefungen hineingegraben, welche in ihren ovalen Limen sich leichmässig wiederholen. Bei aller dieser mangelhaften Kenntnis der Gewandung und der Anatomie wurde die bildnerische Perspektive hin und wieder nicht ohne Glück in diesen Hochreliefs versucht. Sonst schweben die Figuren meistens in der Luft, wenn nicht etwa, wie bei der Kreuzigung zu St. Zeno, eine eigens angebrachte Erhöhung den einzelnen Personen als Fußboden dient.

Ängstlicher als in den andern Werken hat der Bildner sich in denen zu Modena an die Worte der Genesis gehalten. Der Ge- genstand füllt hier bei weit beschränkterem Raume eben so viele Felder, als auf dem grossen Werke zu St. Zeno, und beginnt doch erst mit der Erschaffung des Menschen. Die Sorgsamkeit, den Teil ja nicht zu verlassen, hat hier noch das Bild hinzugethan, auf welchen Gott Vater den Schuldigen ihr Vergehen vorhält. Uebergangen ist dagegen die Erschaffung der Thiere, wahrscheinlich, weil der Künstler die technischen Schwierigkeiten nicht überwinden zu können fürchtete. Vermieden sind ferner alle gewagteren, kühnere Bilder, denen der Künstler in den nachfolgenden Werken nicht mehr ängstlich aus dem Wege ging. Auch

Die „Arabesken“ verrathen hier noch eine unsichere, ungeübte

Hand, sie sind schwerfälliger als auf den andern Werken, und

es lässt sich der Schluss ziehen, dass diese Arbeiten die früheren

durch diese Arbeit geübter, durch vereinte Kräfte kühner,

setzten beide Künstler sich eine größere Aufgabe zu St. Zeno.

Sie wagten hier nicht allein weitläufigere Darstellungen aus dem

alten, sondern auch aus dem neuen, Testamente. Freilich findet

sich auch hier noch wenig eigentlich wählender Verstand, die

nahmen, was vorlag und ihrem Naturell besonders zusagte, aber

zogen doch mehr in ihren Kreis, begannen die Schöpfung der

Erschaffung der Thiere und gönnten eigentlich historischen Bege-

benheiten ihren Raum. Und gerade dieser Muth förderte das Be-

ste zu Tag. Es zeigt sich hin und wieder schon eine freiere Hand

und kühnere Phantasie, besonders in dem angeblichen Theoderich,

und auch in den Thieren erblickt man eine sorgsamere Beobach-

tung der Natur.

Kühneren Flug aber nahm die Phantasie der Künstler und mit

ihr die technische Geschicklichkeit an dem Dom zu Ferrara; Sie

überhäuften hier nicht mehr den Raum durch die Menge der Ge-

genstände, welche noch den an sich großen Platz zu St. Zeno

erhielt, sondern sie wählten mit Verstand das Passende und Noth-

wendige aus. Daher zeichnet das Weltgericht sich nicht nur durch

größere Gedankentiefe vor den übrigen aus, sondern auch durch

gebildetere Handgeschicklichkeit. Eine Auferstehung der Toten

wäre vierzig Jahre früher demselben Bildner unmöglich gewesen,

weil ihm mehr die Kühnheit des Gedankens als die Kräfte fehlte,

die Schwierigkeiten im Technischen zu überwinden.

Ausführlicher beschrieben sind diese Werke im Kunstblatt 1831

Nr. 15 und 14.

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