Ferrari, Gaudenzio

Ferrari, Gaudenzio, Maler und Bildhauer , einer der ersten Mei- ster der mailändischen Schule und ein Künstler von grossem Rufe, Er wurde zu Valdugia im Mailändischen geboren, und von A. Scotto in den Anfangsgründen der Kunst unterrichtet. Hierauf kam er zu Luini, und Orlandi nennt ihn auch Perugino’s Schüler, und bei diesem Meister könnte ihn Raphael kennen gelernt haben, bei dem wir den Gaudenzio später in Rom finden. Seine Bildungsge- schichte kennt man nicht genau, nur soviel ist gewiss, dass er es sich herzlich angelegen sein liess, die Kunst in ihren verschiede- nen Theilen zu studieren. Er suchte sich gute Vorbilder, und da- runter ist auch Leonardo da Vinci, dessen Cartoon mit der Darstel- lung der heil. Anna Gaudenzio für St. Marco zu Vercelli copirte. Es

ist dieses ein Jugendwerk unsers Künstlers, mit einigen Heiligen vermehrt. Gaudenzio übte nach dem damaligen Gebrauche meh- rere Künste, Er war auch Bildhauer, und Werke der Plastik hin- terließ er in Varallo. Dabei studierte der Künstler auch die Bau-

kunst und die mathematischen Wissenschaften, und so gelangte er nach und nach, besonders durch seine Studien, die er in Rom nach Raphael machte, zu einer sehr lobenswerthen Stufe, doch verdient er das hohe Lob nicht, welches ihm Lanzi ertheilt. Lomazzo er- hebt ihn unter die sieben ersten Maler der Welt, worunter er den

Correggio nicht setzt, der doch, nach den gleichzeitigen Leistun- gen zu urtheilen, über Gaudenzio steht. Letzterer malte damals seine Cupel zu St. Maria bei Sarona, die aber mit jener des Cor- reggio zu St. Giovanni in Parma nicht zu vergleichen ist. Ferrari lei- stete nichts so Schönes und Vollkommenes; er ist nicht frei von den Härten des alterthümlichen Styls; er huldigt der symmetrischen Anordnung; seine Engelgewandung ist in Mantegna’s Weise ge- halten, und manche Figur ist gypsförmig gerundet und dann colorirt, ein Brauch, denn er anderwärts beim Pferdegeschirr und andern Beiwerken nach Montorfano’s Weise beibehielt. Gaudenzio

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Gaudenzio verläugnet nie seinen Ursprung aus der älteren Schule ganz. und das Alterthümliche artet bei ihm bisweilen zur Phantasterei aus, wozu noch manches Affektirte und Kalte hinzukommt. Den- noch ist Ferrari ein tüchtiger Künstler, zu welchem er in Rom reifte. Hier malte er mit Rafael an den Darstellungen aus der Fa-

bel der Psyche in der Farnesina und im Torre Borgia. Rafael starb

1520 und nun verließ auch Gaudenzio Rom. Jetzt begegnen wir ihm in Mailändischen, wo er sich einen eigenen Wirkungskreis

schuf und viele Schüler bildete. In den Werken seiner späteren

Zeit erinnert uns Vieles an den Styl, an Zeichnung und Farbe der rafaelischen Schule. Er hatte eine fruchtbare Einbildungskraft, die nur im Gebiete der religiösen Darstellung waltete, wozu ihn sein frommer Sinn zog. Doch erregen seine Bilder in keinem hohen Grade das Gefühl der Frömmigkeit, es fehlt ihnen die Seele, ob-

gleich Lanzi sagt, dass dieser Künstler die Gemüther besser ge-

malt habe, als die Körper. Im Ausdrucke des Gewaltigen und Lei- denschaftlichen ist er übertrieben, wild und fürchterlich, wie Va- sari sagt. Beispiele dieser Art hinterließ er in alle Grazie zu Mailand, wo er das Leiden Christi malte, und bei den Conventua- len zu Vercelli im Sturz des Saulus, einem Bild, von welchem Lanzi sagt, dass es vor allen, die er geschildert, dem des Michelangelo in der Paulina nahe komme.

In der Zeichnung ist Ferrari trefflich, und er wusste sie in den schwierigsten Verkürzungen korrekt zu geben, letztere liebte er besonders. Auch sein Faltenwurf ist sehr geschmackvoll und auch Küpfle von lieblichem Ausdrucke finden sich in seinen Gemälden, wenn er auch an Anmuth und Schönheit Rafael nicht zuleicht. Das Colorit dieses Meisters gefiel Lanzi besonders und er sagt, dass man ihn in jeder Kirche, wo er gemalt, an der Heiterkeit und Lebhaftigkeit erkenne, welche in so hohem Grade den mailändi- schen Meistern nicht eigen ist. Die Fleischfarbe findet Lanzi wahr und nach den Gegenständen verschieden; G. v. Quandt erwähnt aber in der Anmerkung zur Geschichte der Malerei des bezeich- neten Schriftstellers II. 4190, dass Gaudenzio’s Carnation nicht sowohl warm, als gekochtem Fleische ähnlich sei und unangenehm rot und übertrieben. Seine Kleider sind phantastisch und die Zeuge schil- dernd. Seine Figuren sind oft in landschaftlicher Umgebung oder

in der Nähe von Bauwerken, die er nach den Regeln der Perspek-

tive darzustellen wusste. Gerne brachte er Steine und Felsen an, die er seltsam und launenhaft gestaltete.

Gaudenzio Ferrari hat in bedeutenden Schülern fortgewirkt, die seine Weise mehr oder weniger treu bewahrten. Sein Einfluss auf die Kunst im nördlichen Italien ist unmittelbar durch ihn und durch diese von Bedeutung.

Das letzte Werk Ferrari’s, an dessen Vollendung ihn 1550 der Tod hinderte, ist das Abendmahl in der Kirche der Brüder von der Passion zu Mailand, und dieses wurde mit der in Fresco gemal- ten Kreuzigung Christi zu Varallo als das höchste Meisterstück seines Geistes bewundert. Berühmt ist auch das Bild des heil. Pau- lus, das er 1543 wetteifernd mit Titian malte, und das unter dem Namen S. Paolo di Gaudenzio bekannt ist. Dieses Bild ist in Mailand, wohin es aus Paris wieder gebracht wurde, und in alle Grazie derselben Stadt sieht man seine Geisslung Christi, die Aus- stellung des Heilandes vor dem Volke, und die Kreuzigung, in einer Capelle zur Rechten in Fresco gemalt. In der Drera zu Mailand ist die Marter der heil. Katharina, ein ausgezeichnetes Werk, und daselbst sieht man auch eine Anzahl von ausgesägten Fres- cobildern dieses Künstlers. Für St. Ambrogio malte Ferrari eine

Madonna mit Johannes dem Täufer und mit St. Bartolomäus, und: in S. Celso zu Mailand ist die Taufe Christi.

In Italien finden sich noch mehrere Bilder von Gaudenzio, im Auslande aber sind sie seltener. Im königl. französischen Samm- lung ist eine Geburt Christi, von J. B. Poilly gestochen, beschrie- ben und nachgebildet bei Landon, Annales IV., 103. Im Musée royal ist das Bild des St. Paul in Meditation.

Im königl. Museum zu Berlin ist das Bildnis eines Jünglings mit rothem Federhut im Harpisch, und die Anbetung des Jesuskindes durch Maria, Joseph und die Hirten, im Grunde Landschaft, mit Ochs und Esel, unter dem Hirtendache, ein Bild, das Hirt dem F. Rondani beilegt.

Dr. Campe in Nürnberg besitzt ein vortreffliches Gemälde mit der heil. Familie, das im ersten Heft des Sammlers von Nürnberg im Umriss gegeben ist.

Auch in andern Gallerien finden sich Bilder von Gaudenzio, z. B. in Dresden, wie oben erwähnt.

Gestochen wurde nach diesem Künstler früher wenig. Die von Poilly gestochene Anbetung der Könige ist im Recueil de Crozat, und in demselben Galleriewerke ist auch das Pfingstfest von Hor- temels gestochen. Frei jun. stach 1786 das Abendmahl Christi.

In neuester Zeit hat Bisi das Frescobild mit der Anbetung der Könige gestochen. Im Jahre 1850 begann S. Pinazzi die Heraus- gabe der Opere del pittore et plasticatore di G. Ferrari. In diesem Jahre erschienen zwei Lieferungen mit Compositionen Ferrari’s, von Pinazzi gezeichnet und gestochen.

Vasari spricht von Gaudenzio Ferrari nur obenhin im Artikel über Pellegrini da Modena und Girol. da Carpi; ausführlich han- delt über ihn Gaudenzio Bordiga in den 1821 zu Mailand erschie- nenen Notizie intorno alle opere di G. Ferrari pittore et plasti- catore.

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