Falconet, Stephan Moritz

Falconet, Stephan Moritz, Bildhauer von Vivis im Canton Le- man, wurde geboren. Von armen Eltern geboren, lernte er als Knabe nur lesen und schreiben, und hierauf kam er zu einem gewöhnlichen Bildhauer, bei welchem er Perückenstöcke fertigte.

Doch sein Geist forderte höhere Beschäftigung und Falconet fing daher an in den Mussestunden zu modellieren, und nach Kupfer- stichen zu zeichnen. So beschäftigte er lebte er bis zu seinem 17ten Jahre, in welchem er endlich Gelegenheit fand, sich dem geschick- ten Bildhauer Lemoine vorzustellen. Lemoine erkannte in den schwachen Versuchen des Jünglings ein tüchtiges Talent, und er nahm ihn gütig in seine Werkstätte auf. Falconet machte hier reissende Fortschritte und nach sechs Jahren modellirte er schon seinen Milon von Croton, wie ihn der Löwe zerreisst, eine Gruppe, die ihm 1745 das Aggregat der Akademie der Künste zu Paris er- warb. Dieses Werk verkündete den Ruhm des Künstlers, und man bewunderte die Composition und den Ausdruck des Schmerzes des Crotonaten, der eine Beute des wütenden Löwen wird. Die Gruppe ist von jener des Pujet verschieden, und keine Nachahmung des Jetztern. Pujet stellte den Milon stehend dar, Falconet aber sel- ben in dem Augenblicke, wie er vom Löwen zu Boden gerissen und zerfleischt wird. Die Figur des Letztern wurde damals für eines der besten modernen plastischen Werke gehalten. Falconet lebte nun mit Eifer der Vervollkommnung seiner Kunst, aber auch seine wissenschaftliche Ausbildung lag ihm am Herzen. In der Ju- gend fand er hiezu nicht Gelegenheit, aber auch im Mannesalter war es ihm nicht zu spät, dem Studium der Geschichte obzuliegen und selbst noch lateinisch zu lernen. Er las auch die grie- chischen Dichter und Philosophen in guter Übersetzung, und

Falconet, Stephan Moritz.

suchte sich überhaupt in den Besitz jedes Mittels zu setzen; das- zu seiner intellektuellen Bildung erspriesslich war, und sie ging mit der künstlerischen Hand in Hand. Mittlerweile wurde Falconet auch Professor an der Pariser Akademie und endlich Rektor. Unter seinen Werken, welche er nach Vollendung des Crotonaten ausführte, sind besonders die Figuren von Pygmalion und einer Badenden zu erwähnen. Diese Gestalten fand man so schön und

reizvoll, dass sie häufig in Gips abgegossen werden mussten, um

in ganz Europa den Blick an diesen Modellen weiden zu können.

Gleiches Lob erhielt auch sein drohender Amor. Indessen stellte er nicht allein mythische Gestalten dar; er fertigte auch religiöse Gebilde. Für St. Roc fertigte er einen hinscheidenden Christus und für den Altar der Frauenkapelle in derselben Kirche stellte er die

Verkündigte und Moses und David dar. In die Invalidenkirche

kam sein St. Ambros, der dem Theodosius den Eintritt in die Ca- thedrale zu Mailand verweigerte, weil er so eben seine Hände in das Blut von siebentausend Thessalonikern getaucht hatte; Alle diese Figuren erhielten wegen des bezeichnenden Ausdruckes Lob. Im Jahre 1766 wurde Falconet an den Hof der Katharina II. von Russland eingeladen, um die Reiterstatue Peter des Grossen zu fer- tigen. Dieser berühmte Coloss, welcher den Czar zu Pferde vor- stellt, wie er über eine sich windende Schlange hinreitet, nimmt unter den plastischen Werken, welche Katharina aufstellte, die erste Stelle ein, und wurde vielfach besprochen. Der Künstler nahm die junge Bildhauerin Maria Collot mit sich nach St. Peters- burg, und diese modellirte den Kopf der grossen Statue. Falconet blieb drei Jahre in Petersburg bis der Guss vollendet war, aber er arbeitete hier wenig mit dem Meissel. Zu dieser Zeit beschäf- tigten ihn verschiedene Schriften über die Theorie der Kunst, als Einwendungen gegen die Critik seiner Werke, und um das Sy- stem Winckelmann’s, Meng’s, Caylus, Jaucurt’s u. a. über die Ma- lerei der Alten zu bekämpfen, Catharina fand Gefallen an seinem Umgange, denn Falconet war geistreich, und daher lud sie ihn oft in die Eremitage ein. Sie beehrte ihn auch oft mit Briefen und auf den Hofbällen unterhielt sie sich häufig mit ihm, wobei sie ihn ihren Gevatter und Beichtvater nannte. Diese Harmonie dauerte fast bis zur Vollendung der Riesenstatue in Bronze, dann wurde die Kaiserin für den Künstler unsichtbar, und selbst bei seiner Abreise fand er nicht Gelegenheit, ihr seine Dankbarkeit zu bezeugen. Die Ursache dieser Ungnade ist nicht bekannt; man glaubt aber die Böswilligkeit eines Höflings habe sie ihm zugezo- gen. Auch dürfte der etwas verunglückte Guss der Reiterstatue dazu beigetragen haben. 3n Im Jahr 1778 kam Falconet nach Paris zurück, doch beschloss er seine Künstlerlaufbahn, da er genug Ruhm geändert zu haben glaubte. Er weihte jetzt seine Zeit der Ordnung seiner Literari- schen Werke, beschloss aber noch eine Reise nach Italien, wo er

bisher noch nicht gewesen war. Schon war der Tag der Abreise

bestimmt, als ihn 1785 ein heftiger Schlaganfall für immer davon abhielt. Doch starb er erst 1780. So berichtet die Biographie uni- verselle, und es scheint daher die Angabe in der Bibliothek der redenden und bildenden Künste I. 207 irrig zu sein, wenn es heisst, dass Falconet selbst in Rom für einen der ersten Bildhauer gelobt habe. Es wird dieses bei Gelegenheit eines Geschenkes des Künstlers an die Bibliothek zu Bern gesagt, und der Referent scheint vermutet zu haben, dass Falconet wirklich in Rom gewe- sen sei. Das Geschenk Falconet’s bestand in einer verkleinerten Abbildung der Gruppe des Laokoön.

Falconet hatte sehr wenige Schüler; man zählt darunter den Bild- hauer Berruer und Mlle. Collot, die hernach seine Schwiegertoch- ter und sein tröstender Engel in den späteren leidenvollen Tagen wurde.

Man hat von diesem Künstler mehrere interessante Schriften, welche im Druck erschienen, unter folgenden Titeln: Reflexions sur la sculpture, 1768, 8.; Observations sur la statue de Marc Au- rele et sur d’autres objets relatifs aux beaux-arts 1771. 8. Traduc- tion des Livres 34, 35 et 36 de Pline, Amsterdam 1772, La Haye, 1773, 2 Vol. ; Lettre à M*** ou réponse à un prétendu examen de la Traduction des trois livres de Pline, Petersbourg 1775, 8. ; Collection des oeuvres de Falconet, Lausanne 1782, 6 Vol. 8. ; Paris 1787, 3 Vol. 8. Das erste dieser Werke wurde auch ins Deutsche und ins Englische übersetzt. In der französischen Ency- clopädie sind von ihm die Artikel: Draperies, Basreliefs, Sculpture, Er führte auch den Gebrauch ein, die Professoren in einem Con- cours zu ernennen, in welchem nach ihren Merken geurtheilt wird, statt sie wie vorher nach der ancienneté zu wählen. Er selbst ver- dankte nur seinem Talente seine Ernennung zum Professor.

Falconet wurde zu seiner Zeit mit Ruhm überhäuft, doch fällt jetzt das Urtheil strenger aus. Man vermisst in seinen Werken das Studium der Antike, doch erhebt er sich in dem größten Theile seiner Sculpturen auf erfreuliche Weise mehr über den schlechten Geschmack seiner Zeit, als andere damalige Künstler ge- than. Unter seinen kleineren Compositionen hält man die Statue des Amor für ein Meisterstück, Voltaire schrieb darunter folgende

verse:

Quoi que tu sois, voici ton maître, Vest, le fut, ou le doit être,

Auch der strenge Diderot sprach sich günstig über Falconet's Kunst aus, nur über seinen Charakter macht er sarkastische Be- merkungen. Strenger beurtheilt ihn Cicognara in der Storia della scultura. Er nennt ihn (L. p. 485) den Milizia der Franzosen, des- sen gefährliche und freie Lehre viele irre führen könnte. Falconet’s Vorbilder waren le Gros, Algardi, Bernini, M. Caffa, A. Rossi etc., die wenig reine Werke hervorgebracht haben. Auch Falconet erkannte die reinen Principien der alten Plastik nicht, und daher ist seine Manier auschweifend. In seinen Basreliefs ist das Malerische vorherrschend. Doch war Falconet in seinen Schriften ein strenger Richter, aber sein Urtheil ist oft falsch, was zum Widerspruch reizte, daher seine Controversen. Er selbst hielt seine Kunst sehr hoch, wenigstens den Antiken gleich, wenn er sich in seiner theatralischen Weise nicht gar über diese stellte.

Uebrigens war Falconet ein braver, guter und wohlthätiger Mann, seine Härte oft nur scheinbar, einige Schroffheiten hingen ihm noch von seiner vernachlässigten Jugenderziehung an.

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