Endöus, ein alter Bildhauer aus Athen , von dem Pausanias erzählt, dass er den Dädalus, als dieser fliehen musste, nach Creta begleitete. Pausanias führt unter den größten Merkwürdigkeiten Joniens ein ausserordentlich grosses Holzbild der Athene Polias in ihrem Tempel zu Erythrä an, ein Werk des Endöus. Die Göttin war sitzend aus einem Sessel dargestellt, in jeder, oder in den beiden Händen, eine Spindel haltend, und auf dem Haupte den Polos. Bei der Beschreibung dieser Statue gab eine Stelle des Pausanias VII., 5. 4. dem Dr. Welcker die Veranlassung (Kunstblatt 1850 Nr. 49), aus der Verschiedenheit der Statuen im Innern den Namen Endöus herzuleiten, da Pausanias seine Vermuthung, dass das Werk von Evödoios sei, vorgüglich auf das Innere, 79r Epya-Giav Ivdov to6 ayaluaro; begründet. Diese Stelle wurde verschie-
den übersetzt, und nach Welcker der einfache Sinn allgemein nicht aufgefasst. Dieser Gelehrte bewies die Gewissheit des Gebrauches, Sta- 7.4uen nach einem Innern bedeutender Art zu unterscheiden, aus einer Stelle des Proclos zum platonischen Timäos C. S. 83, worin er mit der Welt, als einem Bilde der Intelligenz und von dem Vater ge- weiht, welche sowohl sichtbare Merkmale seiner Göttlichkeit, als auch unsichtbare (verstecktere) Zeichen ihrer Theilhaftigkeit an dem Wesen enthalte, die geweihten Bildsäulen vergleicht, an wel- chen sowohl Sichtbares sei, als auch inwendig (ἐνδοῦ) verborgene Symbole der Gegenwart der Götter, welche nur den Geweihten be- kannt seien, und vermutlich nur für solche sichtbar waren.
Die Art der ἱππαίας τῶν θεῶν τὸν ἀγαθὸν κατανεμητὸν kann daher nach Wel- cker’s Behauptung nicht im Technischen, sondern allein in der Ein- richtung bestanden haben. Die Griechen der frommen Zeit be- trachteten das geheiligte Bild als ein Wohnhaus des Gottes; denn das Wort θῆμα, von Göttterstatuen gebraucht, ist nur als Sitz ein- wohnender Gottheit, nicht als Sitzbild zu nehmen, wie Welcker aus einem Epigramme nachgewiesen hat. Die Symbole der göttli- chen Anwesenheit (γυναικοὶ τῶν θεῶν κατὰ ἱππαίας nach der verbesser- ten Lesart bei Proclos) in den gleichsam zum Tempel erhobenen Statuen, wovon Proclos spricht, lassen sich im Ganzen nicht wohl anders denken, als ähnlich den Symbolen in den Tempeln selbst. Dieses muss der Fall mit der Pallas des Endöus gewesen sein, in welche, oder in das Untergestell, die früher in einem Hypäthros von weissem Marmor (ἐν τῷ άλλοιν ἀναγκαίῳ λευκῷ μαρμάρῳ) aufgestellten Statuen der Chariten und Horen eingeschlossen wurden; denn das Bild war mächtig gross (ὕψις προσκείμενος). Die Horen und Charitinen passen als Symbole zu dieser Eythräischen Athene vollkommen wohl, und drücken in allgemein verständlichem Namen und Bild aus, was nach gewissen alten Symbolen das Wesen dieser Göttin in sich schliesst. Die Horen nämlich stimmen mit dem Polos, die Charitinen mit der Spindel, als dem Zeichen des im Laufe der Zeit entsponnenen und wachstumsgemäß fortgeleiteten Wachsthums zusammen. Ob die be- zeichneten kleineren Bildwerke von Holz oder Marmor eigen- händige Werke des Endöus gewesen, drückt Pausanias nicht be- stimmt aus, aber vermutlich waren sie Holzbilder, weil Pausanias aus der Vergleichung derselben mit dem großen Bilde auf Werke der einen und derselben Hand schliesst, obgleich sie ehedem an- derswo aufgestellt gewesen. Einige Archäologen erklärten die Worte des Pausanias ἐν ἀνοίκῳ μετὰ φῶτος mit: unter freiem Himmel, und dadurch wurde das dabeistehende θῆμα ἀλιθηρὸν auf die Sta- tuen zurückgeworfen, die also von Stein und unter freiem Him- mel sollten aufgestellt gewesen sein. Der Hypäthros ist eigen den Göttern der Höhe: als dem Zeus, dem Sol und der Luna, und außerdem denen des Wachsthums vermittelst der Einwirkung von oben: als der Athene, der Demeter und Kora. Auch den Horen und Charitinen ist ein solcher Tempel angemessen.
Welcker glaubt daher, eine besondere Art von alterthümlichen Götterbildern, gleichsam ἱππαίας τῶν θεῶν, innerliche, d. h. sol- cher, die mit einem zu einer eigenen Bestimmung eingerichteten Innern versehen waren, nachgewiesen zu haben. Diese Gattung wird durch die Person des Endöus bezeichnet.
Außer der Athene von Erythrä erwähnt Pausanias noch als Werke des Endöus eine andere zu Athen, gleichfalls sitzend, und Athena Alea, die von Tegea durch Augustus nach Rom gebracht und im Zugang seines Forums aufgestellt worden ist. Diese war durchgängig von Elfenbein gemacht, wie Pausanias sich ausdrückt, ohne hinzuzufügen, ob sitzend oder nicht. Er hatte sie selbst in
Rom gesehen, wie noch besonders aus der Bezeichnung des Ortes, wo sie stand, zu vermuthen ist.
Athenagoras schreibt dem Endöus das Bild der Artemis in Ephe- sos zu, und eine Pallas, und außer dieser, wenn nicht etwa die Worte zerrüttet sind, noch eine sitzende Pallas. Dass diese aus Olbaumholz sei, wie der lateinische Übersetzer und Suffridus in den Noten, auch Junius u. a. verstehen, sagt Athenagoras nicht, s. Welcker 1. c. S. 108. Aus der Beschriftung des Namens Endöus, so wie ihn Welcker bestimmt, ist es vergebliche Mühe, die Zeit des Künstlers zu bestimmen, da bei keinem der Werke, welche diesen Namen führen, irgend ein Zusatz gegeben ist, der uns nö- thigte, eine bestimmte Person, die zufällig diesen alten Namen trüge, zu unterscheiden. Die alte Überlieferung nennt ihn Schüler des Dädalus, allein diese Sage dient nur, um das Athenische Geschlecht der Dädaliden über das Cretische zu setzen, oder wenigstens beide zu verknüpfen, und Endöus wird durch Einflechtung in dieselbe in die Urzeit der Bildnerei gesetzt. Die- ser überließ ihn Winckelmann, so wie Heyne. Pausanias nahm ihn, wie den Dädalus, als einen einzelnen Künstler, während letz- terer, als Träger seiner Gattung einem ausgedehnteren Zeitraum angehört. Den Endöus aber haben nach dem Vorgang von Quatremere de Quincy (Iup. Olymp. p. 175) mehrere deutsche Gelehrte um die 50. Ol. gesetzt. Ihre Gründe sind der Marmor der Horen und Charitinen. In Bearbeitung dieses Stoffes wurden nach Pli- nius zuerst Dipönus und Scyllis berühmt, und diese treten, nach Thiersch (Epochen etc. S. 43, 2te Aufl.), in das Zeitalter der persi- schen Könige herab. Einen andern Grund finden die Archäolo- gen im Elfenbein der Göttin von Tegea und vorzüglich in der Inschrift, wonach die Statue in Athen von Callias geweiht wor- den, unter welchen man jenen berühmten Mann verstand, der zur Zeit des Pisistratus lebte, und der auch die Zeit des Künstlers be- stimmen sollte. Schorn setzt ihn in seinen Studien der griechischen Künstler zu Anfang der Olympiaden, indem er es nicht für noth- wendig findet, dass gerade der Callias des Herodot gemeint sei, und Welcker glaubt, dass es sich nicht einmal denken lasse, dass die Athener, dass Pausanias gedankenlos genug gewesen seyn sollten, um eine Statue aus der Pisistratiden Zeit, um den berühmten Callias mit einem unmittelbaren Schüler des Dädalus zusammenzu- bringen. Die Inschriften an vielen öffentlichen Bildern alter Zei- ten oder unbekannter Herkunft sind nicht durchaus sicher. Der Name des Künstlers und des Stifters ist an einer Dädalischen Sta- tue kaum ursprünglich, wahrscheinlich spätere Zuthat. Weit mehr Aufmerksamkeit, als solche Inschriften, verdient das Elfenbein, woran auch Heyne und Schorn bei einem altdädalischen Werk Anstoß genommen. Welcker findet es möglich, dass es erst in späte- rer Zeit über ein uraltes Holzbild ausgebreitet worden sei, ohne dass mehr als kleinere Teile aufgeopfert wurden. Diese Pallas aus Elfenbein dürfte nach O. Müller (Archäologie S. 49. Anmerk. 2.) erst um Ol. 55 entstanden sein. Dieses Werk muss also, wenn in dieser Zeit entstanden, im Style und in der Darstellungsweise noch an jene älteren des Endöus erinnert, und zu jener Gattung ge- hört haben, welche man ἢπυασία διδαχή nennen könnte. Auf diese Weise ist Endöus der symbolische Träger einer ganzen Gattung und er kann in der Nachahmung auch noch in später Zeit er- scheinen, wie dieses mit Dädalus der Fall ist.
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