CIOCCHI, Andrea di — genannt Arcagnuolo, Maler, Bildhauer und Baumeister , ist der Sohn des ausgezeichneten Goldschmieds, dessen Vasari II. 187 deutscher Ausgabe im Leben des Agostino und Agnolo aus Siena erwähnt.
So sehr von jeher die Überlegenheit dieses Künstlers, der sich vor seinen Zeitgenossen durch Grossheit und Tiefe des Gefühls auszeichnet, und zwischen ihnen isoliert dasteht, verachtet und geprie- sen wurde, war man doch nur selten darauf bedacht, seine Geschichte zu berichtigen oder zu erweitern. Nicht einmal über seinen Bei- namen, den die mehr benutzte Abschrift der Kunstgeschichte des Ghiberti zu Orcagna, Vasari sogar zu Orgagna verstümmlt hatte, war man seither ins Klare gekommen. Baldinucci (Decenni, VI, S. 2. 61) verwarf die Schreibart des Vasari, weil er in einem Original- kontrakte des Künstlers und in den Handschriften der Novellen des Sacchetti überall Orcagna gefunden. Allerdings ist dieses rich- tiger; dessen ungeachtet bereits eine Verstümmlung des wahren Na-
mens, welche vielleicht schon zur Lebzeit des Künstlers eingerissen war. Der wahre Name lautet: l’Arcagnuolo, wie aus den Protokol- len im Archive der florentinischen Domverwaltung erhellet. Ru- mohr’s ital. Forschungen II. 113.
In Florenz geboren befleissigte er sich schon als Knabe unter Lei- tung des Pisaners Andrea der %ildlmuerkunst, und setzte diess einige Jahre fort. Als ihm aber Verlangen kam anmuthige Historien und reiche Erfindungen darzustellen, wandte er sich mit grüsserem Fleisse der Zeichenkunst zu, worin er wahrscheinlich den ersten Unterricht von seinem Vater erhielt. Seine erste öffentliche Arbeit in dieser Gattung war das Leben Mariä, welches er in der Kapelle Ricci in St. Maria Novella mit seinem Bruder Bernardo darstellte, ein Werk, das schon zu Vasari’s Zeit zu Grunde gegangen war. In der Kapelle Strozzi in eben dieser Kirche sicht man von den beiden Cione noch die Darstellung des Himmels der Seeligen und die Hölle, zwei Wandgemälde. Arcagnuolo ist der erste, der die Abbildung der Gegenwart völlig in kirchliche Darstellungen einführte, wobei er die Erhabenheit religiöser Symbole der Lebendigkeit des Ausdruckes, aber damit auch oft die höhere Schönheit dem blos Natürhchen
‚ zum Opfer brachte. Die Seeligen sind mit allen Zeichen weltlicher Herrlichkeit geschmückt, während sie bei Angelico da Fiesole ohne alle irdische ?Jeziehung. einander gleich und geschlechtslos erschei- nen. Die Hölle ist treu nach Dante geschik?ert, voll bizarrer Er- findungen. Später verfertigte er für eben diese Kapelle ein Tem-
era-Gemälde auf Goldgrund, das ebenfalls noch wohl erhalten ist. s besteht aus fünf spitzbogigen Abtheilungen, deren mittlere und grösste den thronenden Heiland, umgeben von Engeln und Cheru- bim, die zur Linken Maria und den heil. Thomas von Aquin, die heil. Katharina und: St. Michael, die zur Rechten den heil. Petrus und Johannes den Täufer, Paulus und Laurentius zeigen. Das Bild hat die Inschrift: Anno Domini 1357 Andreas Cionis de Florentia me pinxit.
Iı Dome zu Florenz sieht man von ihm noch Dante’s Bildniss, wie er in einem Buche lesend über eine Wiese geht, ein W'eihge- schenk, das das Vaterland des Sängers der Comedia divina hier autfstellte. An diesem Gemälde hat sich das Colorit noch ausneh- mend frisch erhalten. Von den übrigen Arbeiten Audreas und sei- Bruders Bernardo, deren Vasari in Florenz erwähnt, ist nichts auf unsere Tage gekommen; ausser einer Verkündigung in der Sakri- stei von St. Romeo, Einen kleinen Umriss der I*?äle des Arcag- nuolo S. d’Agincourt peint pl. 110.
Den Ruhm, den sich Andrea durch seine Arbeiten erwarb, bewog die damaligen Befchlshaber der Stadt Pisa, den Künstler nach ihrer Stadt zu berufen und ihm die Darstellung des Triumphes des To- des im Campo Santo aufzutragen. Auch ın diesem Bılde, das La- sinio in seinem Werke über die Malereien des Campo Santo abge- bildet hat, brachte Andrea viele Personen seiner Zeıt an.
Nachdem dieses Werk vollendet war, malte er das Weltgericht, worin die Auffassung des Symbolischen in Christus, Maria und den trauernden Engeln erhaben, die Darstellung der Seeligen anmuthig, die Abbilduug der Hölle aber, die das Werk Bernardo’s ist, klein- lich und abentheuerlich erscheint. Beide Vorstelluugen machen ein Bild aus, obgleich sie getrennt sind und daher sind sie von Lasi- nio in dem bezeichneten Werke auf einem Blatte gestochen.,
Sollazzino restaurirte den untern Theil des Biıldes der Hölle, hielt sich aber nicht an die ältere Compusition, wie man aus einem alten Kupferstich sieht, den Morrona ın sciner Pisa illust. bekannt gemacht hat, ; e
Während Bernardo in Pisa malte, begab sich Andrea nach Florenz, wo er in St. Croce ähnliche Gemälde ausführte, die aber nicht mehr vorhanden sind. Er behielt fast dieselben Erfindungen bei, nur dass er die Bildnisse veränderte, die nach dem Leben genommen waren, indem er darin einige seiner Freunde im Paradies abbildete, und seine Feinde in der Hölle. In der Akademie zu Florenz befindet sich ein grosses Bild der Verkündigung und ein Altarstaffel unter Cione’s Namen. In der Gallerie des Louvre zu Paris wird ihm eine Geburt Mariä zugeschrieben.
Ein sprechender Beweis von Andrea’s Talent als Architekt ist die Loggia de’Lanzi, der offenen Bogenhalle zu Florenz, wo er den Spitzbogen gänzlich verbannte, indem er das Disharmonische richtig herausfühlte, wenn er auch sonst alles für seinen Stil Taugliche des Gotischen benutzte. (Vergl. hier auch voh der Hagen Briefe in die Heimath III, 234). Diese Loggia ist das schönste und prächtigste Werk Arcagnuolo’s, und von so überraschender Pracht und so trefflichen Verhältnissen, dass Michel Angelo an Cosmus I., der von ihm eine Zeichnung zu dem Pallaste des Magistrats verlangte, geschrieben haben soll, er solle nur die Loggia des Orgagna weiterführen und damit den Platz umgeben; etwas Besseres lasse sich nicht machen. Aber der Fürst wurde durch die Kosten zurückgeschreckt.
S. die Abbildung dieses Gebäudes in dem Werke: La piazza del Arcagnuolo di Firenze etc. da P. Lasinio 1853.
Ein Werk Andrea’s ist auch die Kirche und das Magazin Orsanmichele und besonders das reiche Tabernakel daselbst, das Richa in seinen Notizie delle chiese di Firenze in einer Abbildung nach Andrea’s eigener Zeichnung gab. Die Form ist in deutscher Art, pyramidal mit kleinen Tabernakeln und gewundenen Säulchen verziert, und dazwischen Engel und Propheten in halberhobener Arbeit und Reliefs mit Darstellungen aus dem Leben der Maria. Den Umriss einiger Köpfe S. bei Cicognara st, d. sc. I. tav. 34.
Orgagna zeigt sich in diesen Bildwerken viel freier von der giottesken Manier als in seinen Gemälden und ist in der Geschichte der Bildnerei als der Erste zu betrachten, welcher den in der Pisanischen Schule entwickelten edlen Styl zum Theil der Naturtreue aufopfert, oder, mit andern Worten, aus entschlossener Neigung zu ausdrucksvoller Natürlichkeit, bisweilen die Schönheit vernachlässigt, worin ihm später Donatello gefolgt. Schorn in der Anmerk. zum Vasari I. 308.
In einem der Apostel bildete sich Andrea selbst in Marmor ab, womit Vasari das Bildnis des Künstlers für seine Lebensbeschreibungen der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten nahm. Unter dem Werke stehen folgende in Marmor gehauene Worte:
Andreas Cionis pictor Florentinus oratorii archimagister extitit hujus 1359.
Der Künstler liebte es, sich auf Gemälden einen Bildhauer und auf Sculpturen einen Maler zu nennen. Andrea starb nach Vasari 1380 im sechzigsten Jahre, Manni aber setzt nach archivalischen Notizen seinen Tod in 1375. Bernardo überlebte ihn nicht um viele Jahre.
Andrea Arcagnuolo hatte noch einen andern Bruder, der Jacopo hiess und sich der Bau- und Bildhauerkunst widmete, und nach Andrea’s Tod zu einigen Bauten verwendet wurde, S. Vasari deutsche Ausgabe I. 311.
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