Carstens, Asmus Jakob

Carstens, Asmus Jakob, Historienmaler , geb. zu St. Gürgen, einem Dorfe bei Schleswig 1753, gest. zu Rom 1788. Carstens Ta- lent und Neigung zur Kunst sprach sich schon in der frühesten Jugend mit unverkennbaren Zügen aus; aber erst im 22. Jahre entschloss er sich die Fesseln, die ihn an eine andere Bestimmung knüpften, zu zerreissen, und sich der Kunst ausschliessend zu wid- men. Er hatte einen eigenen, von allen seinen Zeitgenossen ab- gesonderten Weg eingeschlagen. Mit einem selbstständigen Geist und einer ausgezeichneten lebendigen Einbildungskraft begabt, hatte er eine entschiedene Abneigung gegen die akademische Lehrmethode, vermittelst deren man durch lang anhaltendes Copieren, insbeson- dere durch Modell- und Antikenzeichnen, zur Kunst gelangen sollte. Er ging so weit, dass er dies gänzlich verschmähte, und anstatt durch Nachbilden im Besitz der Form der Gegenstände zu gelangen, sich damit begnügte, durch aufmerksames Betrachten die- selben seinem Geiste einzuprägen. Bildnisse ausgenommen, deren Ahnlichkeit er glücklich zu treffen gewusst haben soll, die er aber nicht zum Studium der Kunst, sondern zu seinem Lebensunterhalte verlieferte, hat er ausser zwei Copien nach Gemälden in seiner

frühesten Jugend, und einigen wenigen Modellzeichnungen, die er auf der Kopenhagener Akademie ebenfalls durch äußere Rücksich- ten genöthiget, ausführte, nie etwas copirt. Die in der genannten Akademie aufgestellten Gypsabgüsse der Antiken , welche ihn als die ersten Werke höherer Kunst, die er zu Gesicht bekam, mit begei- sterter Bewunderung erfüllten, studirte er mit dem grössten und anhaltendsten Eifer. Aber anstatt dieselben nachzuzeichnen, suchte er sie sich durch täglich wiederholtes Betrachten von mehreren Stun- den so lange einzuprägen, bis er sie aus der Idee in verschiedenen Ansichten zu zeichnen vermochte. Auch in Rom studirte er nur durch Anschauen die Werke des Raphael und Michelangelo, und doch erschien nach langer Zeit zuerst in seinen Compositionen ein jenen grossen Künstlern verwandter Geist, von dem in den Bil- dern seiner Zeitgenossen, die mehrere Jahre auf das Copiren ihrer Werke verwendet hatten, auch nicht die mindeste Spur zu be- merken war.

Als er die Akademie zu Copenhagen verliess, suchte er in der Fremde sein Glück. In Zürich fand er durch Gessner Empfehlung und Unterstützung; er zeichnete auch für Lavater einige Portraits. Er durchzog ganz Deutschland und kam nach Lübeck, wo er fast fünf Jahre blieb und seinen Unterhalt mit Portraitmalen erwarb, dem einzigen Kunstzweige, der bei dem Publikum jener Handels- stadt einiges Interesse hatte. Zwar setzte er sein Studium der Hi- storienmalerei immer gleich eifrig fort, er componirte, zeichnete, entwarf eine Menge von Skizzen, aber es fehlte ihm doch an allen den Hülfsmitteln, welche den Künstler weiter fördern konnten, an Nahrung für seinen Kunstsinn und an aller Aufmunterung von Aussen. Die Bekanntschaft des Dichters Overbeck verschaffte ihm endlich einen Gönner, der dem Künstler auf die edelste Weise die nöthigen Mittel bereitete, Berlin besuchen zu können. Hier lebte Carstens anfangs sehr kümmerlich; er hatte sich vorgesetzt keine Portraits zu malen. Einiges arbeitete er für Buchhändler, wofür er aber keinen Werth legte und demnach fast alles ohne seinen Namen ste- chen liess. Zur zweiten Kunstausstellung seit seines Aufenthaltes in Berlin hatte er eine grosse und reiche Composition verfertigt, die gegen zweihundert Figuren enthielt und den Sturz der Engel vorstellte. Durch diese Zeichnung hoffte Carstens seine Aufnahme und Anstellung bei der Akademie zu bewirken, nicht dass es ihm um diese Anstellung selbst zu thun gewesen wäre, denn er hielt Kunstakademien für zwecklose Anstalten; aber er sah in dieser An- stellung ein Mittel zur Erreichung seines grossen Zweckes, den er nie aus den Augen verlor, nämlich in Rom seine Studien fortzu- setzen und zu vollenden. Carstens ward als Professor bei der Aka- demie der Künste und mechanischen Wissenschaften angestellt. Ein Saal, den er für den Minister Heinitz malte, führte ihn endlich dem Ziele seiner Wünsche entgegen. Er ward dem Könige vorge- stellt und erhielt die mündliche Einwilligung des Monarchen zur Unterstützung auf einer Reise nach Rom, welche er im Sommer 1792 mit einem zwei Jahre lang zu genießenden jährlichen Gehalt von 450 Thlr. antrat.

Das Höchste, was hier Carstens erreichte, war eine Kunstaus- stellung eigener Werke im April 1795, wozu er auf eine ganz un- gewöhnliche Art das römische Publikum durch eine öffentliche An- zeige einlud. Das Urtheil der Kunstverständigen über diese in ih- rer Art merkwürdige Kunstausstellung fiel für den Künstler so günstig aus, als er es nur erwarten konnte, und seine Absicht, sich in Rom auf eine vortheilhafte Art bekannt zu machen, und sich eine von der Berliner Akademie, mit deren Curatorium er zer-

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fallen war, unabhängige Existenz zu sichern, ward dadurch er- reicht. Aber am Ziele seiner Laufbahn ereilte ihn der Tod nach einem langwierigen Krankenlager. Fernow, der auch sein Leben beschrieb, hielt ihn neben der Pyramide des Cestius (der Begräb- nissplatz der „Protestanten) die Standrede. Carstens hatte sich den gründlichen und ernsten Geschmack der Künstler des 16. Jahrhun- erts in einem seltenen Grade eigen gemacht; sein edler Stil und der lebendige Ausdruck seiner Compositionen geben ihm einen Rang unter den ersten Nachfolgern jener großen Meister. Anfangs zog ihn Michel Angelos Kraft und Grossheit vor allen Andern an; doch bemerkt man, dass, nach einem allmähligen Uebergang, endlich Rafael ausschliesslich sein Vorbild geworden. Seine Gegen- stände waren ernst und pathetisch, doch verschmähte er auch nicht solche einer muntern Laune. In letzterem Sinne ist der luftwandelnde Sokrates, nach Aristophanes, merkwürdig.

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