Carracci, Annibale, Maler, geb. zu Bologna 1560, gest. zu Rom 1600. Dieser Künstler, der als Hauptstifter der neuen Weise zu studiren anzusehen ist, war eines Schneiders Sohn, aber auch die Ausübung einer edlen Kunst vermochte nicht, ihn über seine Herkunft zu erheben. Anstatt dass Rafael, Michel Angelo und andere ältere grosse Künstler mit den ausgezeichnetsten Personen ihrer Zeit und Nation in genauer Verbindung standen, gefiel sich Annibale nur im Umgange mit gemeinen ungebildeten Leuten. Nur bei Compositionen, die, wie die mythologischen Gegenstände der parmesischen Gallerie, einige wissenschaftliche Kenntnisse erforderten, war er genöthiget, sich des Beistandes seines Bruders Agostino und anderer unterrichteter Männer zu bedienen. Im übrigen waren ihm Gelehrte und das wissenschaftliche Streben die Zielscheibe seines Witzes, und besonders auch sein Bruder.
Seinen Bruder liebte er zwar innig, aber dennoch konnte Annibales ungleicher Charakter die Funken des Neides nicht unterdrücken, so dass bei allen Intriguen und Schmähungen ihrer Zeitgenossen die Uneinigkeit unter den Brüdern fortdauerte.
Annibale begann seine künstlerischen Studien unter der Leitung eines Vetters, bis er 1580 nach Parma ging, um Correggio kennen zu lernen. Hier studirte er drei Jahre die Werke dieses Meisters. Er copirte mit Agostino dessen Gemälde in der abgerissenen alten Tribune des Domes zu Parma, Bilder, die zu Lanzi’s Zeit auf Capo di Monte waren, jetzt aber in Neapel sind. So machte er sich Correggio’s Styl immer mehr zueigen, doch auch dann noch die Oberhand behielt, als er zu Venedig Titian studirte, denn man findet in seinen Arbeiten aus dieser Zeit kaum einen Anklang an Titian’s Werke. Besonders sprachen ihn jedoch die Gemälde Paolo Veronese’s an, deren Farbenpracht sein durch Correggio musikalisch gestimmtes Gemüth begeisterten; doch behielt die Tiefe Allegri’s über den Glanz des Paolo die Oberhand.
Annibale hatte sich bereits seinen Styl gebildet, als er nicht lange vor 1600 auf Einladung des Cardinal Farnese nach Rom kam. Dieser sein bisheriger Styl hatte nichts zu wünschen übrig gelassen, als einen durch das Studium der Antike geläuterten Geschmack. Er studirte nun besonders die Antike, doch auch Michael Angelo’s und Rafael’s Werke zogen ihn an, und jetzt waren die früheren Eindrücke von Correggio und Paolo wie verwischt. Er sah ein, dass die Kunst ausser der Farbe, dem Helldunkel und der Harmonie noch andere Seiten habe, Ideal und Form. Je mehr er nun in diesen Studien Fortschritte machte, desto mehr scheint er von Seite des Malerischen wieder verloren zu haben. Uebrigens hat er seine früheren Studien in der Lombardei und Venedig nicht ganz vergessen; denn in seinem Gregorius in Verzückung von Engeln umgeben, ehemals in der Capelle Salviati zu S. Gregorio Magno, und die Pieta, ehemals in der Kirche S. Francesco a Ripa zu Rom, vereinigen sich seine früheren Studien mit den später gemachten aufs herrlichste. Uebrigens ist zu bemerken, dass Annibale als Nachahmer seine Vorbilder keineswegs erreichte, aber er vereinigte ihre verschiede-
nen Manieren auf eine treffliche Weise in höherem Grade als irgend einer seiner Zeitgenossen.
In Rom erwarb Annibale neben seinen übrigen Verdiensten auch jenen der reinen Zeichnung, und die Schüler, welche ihn folgten und nach seinem Tode in dieser Stadt noch fortarbeiteten, zeichnen sich besonders dadurch vor denen, die in Bologna unter seines Vetters Ludwig Leitung blieben, aus. Überhaupt ist Annibale unter den Carracci in der Zeichnung am meisten für classisch angesehen worden. Wenn man auf die Richtigkeit sieht, so dürfte Hannibal hierin selbst vor Rafael den Vorzug behaupten. Denn man wird vielleicht mehr bei diesem, als bei jenem, einzelne Unrichtigkeiten auffinden können. Um so mehr aber übertrifft Rafael unseren Künstler an Schönheit, Anmuth, Leben und Mannigfaltigkeit des Charakters und überhaupt in der höheren und positiveren Vollkommenheit der Zeichnung. Dabei ist noch zu bemerken, dass Rafael nach lebendigem Ausdruck der Handlung strebte, und dem zufolge öfter veranlasst war, Bewegungen zu zeigen, die nur im Moment des Übergangs eines Zustandes des menschlichen Körpers in einen andern erscheinen und die daher nur durch Einbildungskraft und Beobachtung der Natur an den flüchtigen Momenten ihrer Veränderungen aufgefasst werden können. Aus diesem Grunde musste es dem Rafael weit schwerer sein, in der Zeichnung immer vollkommene Richtigkeit zu beobachten, als dem Carracci, dem, weil er jenen Ausdruck der Handlung ungleich weniger beabsichtigte, das akademische Modell weit besser als jenes zum Vorbilde der Stellungen seiner Figuren dienen konnte.
Die nackten Formen dieses Künstlers zeigen einen nach guten Mustern gebildeten, aber dabei einförmigen Typus, der durch einen zu abstrakten und gewissermaßen convenitionellen Charakter, mehr einen richtigen Canon der menschlichen Gestalt, als einen wahrhaft lebendigen Begriff derselben gewährt. Bei gründlicher Kenntnis der Anatomie und richtiger Andeutung der Muskeln mangelt das feinere und gefällige Spiel derselben, welches man in der Natur bemerkt und wodurch sich das inwohnende Leben vornehmlich zu erkennen gibt. Carraccis Stil erinnert wegen dieser Eigenschaft an den gewöhnlichen Charakter der antiken Statuen aus der römischen Zeit. Auch wegen seiner Grossheit dürfte er nicht zu sehr gepriesen werden, wie dieses geschehen ist. Seine Figuren zeigen wohl grosse Massen und Ausdruck von Kraft, aber keineswegs das Gepräge von Geisteshöheit, wie die Gestalten des Michelangelo und insbesondere die Propheten und Sibyllen desselben. Auch opferte er wenig den Grazien, was man besonders in den weiblichen Figuren vermisst.
Hannibal kann eigentlich der Maler des Hauses Farnese genannt werden, denn hier hinterließ er mit Ludovico und Agostino und einigen Schülern ein umfassendes Werk, welches wohl den höchsten Begriff von dem Kunstverdienst der Carracci geben kann. Hier scheinen sie in der Fertigung sowohl, die grösstentheils dem Agostino angehören soll, wie in der Ausführung das Edelste und Beste ihrer Art erreicht zu haben. Wenn gleich die ganze Anordnung der Decke der sixtinischen Kapelle nachgeahmt ist, so ist doch der Gedanke glücklich durchgeführt, und man findet weder die unedlen Figuren, noch die willkürlichen, im Suchen nach Originalität erzeugten Compositionen, noch den Mangel an Gesamtwirkung der Massen, Fehler, die so häufig in ihren großen Ölgemälden stören. Es fehlt auch nie an Lobpreisung dieser Werke, und es ist wahr, man findet hier in manchem Bilde eine doch
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Carracci, Annibale.
sen Häuptern, besonders dem Hannibal und Augustin eigene gute Zeichnung, die höchste Meisterschaft in Verkürzungen, wie etwa in den Schilderungen des Herkules und der Jole, auch in der Aurora, die den Cephalus entführt, in den Figuren des Merkur und Polyphem. Allein die Grazie der Stellung, das Naive der Be- wegungen, das Zarte und Liebliche der Formen, das Edle der Ge- stalten, besonders der weiblichen, kurz, was schon mehr einen geistigen Einfluss auf die Führung der Hand nicht fordert, das Alles ver- misst man hier ungern, und gerade an den wesentlichsten Stellen. Wir erinnern nur an die Nymphen, an die Figuren der Androme- da, der Diana (im Bilde des Pan) und der Venus.
Wer sich schon mit einer conventionellen Zusammenstellung der Figuren zu bloß gefälligen Gruppen begnügt, worin jede ihren Platz gut ausfüllt, ohne darum genau und passend mit dem Cha- rakter der Handlung selbst zusammenzustimmen, der, sagt Speth (Kunst in Italien III. 125 f.), findet auch hier, wie fast durchge-
hends in den Werken der Carracci seine Befriedigung; darin wa- ren sie die grössten Meister. Doch wem die Wahrheit und die Sole des Kunstwerkes vor Allem am Herzen liegen, die nicht in der Allgemeinheit eines beliebigen Ausdruckes bestehen, in wie fern er bloß in einem willkürlichen Gegensatze zu einem andern ebenso willkürlichen Ausdrucke, gerade die beste Wirkung thut; wer dagegen die strengste Uebereinstimmung verlangt zwischen der Handlung und der gemessenen Zahl aller durch Mienen und Ge- berden sie genau bezeichnenden Personen, der findet sich hier in seinen Erwartungen getäuscht. Wenigstens ist dieses in den Wer- ken der Carracci von grösseren Inhalte, so wie ihrer ganzen Schule, in der Regel nirgends, ja nicht einmal auf halbem Wege
die hervorstehendste Partie. Dessenungeachtet wurde Annibale
von Mengs nach den drei ersten Malern auf den vierten Thron gesetzt, in den Formen männlicher Körper setzt er ihn sogar über alle. Poussin behauptete, nach Rafaels Arbeiten könne man nichts Besseres schen, als was Carracci geschaffen. Baglione schreibt ihm das damals beinahe abgekommene Verfahren zu, nach der Natur zu coloriren, und die wahre Kunst Landschaften zu malen, welche die Niederländer in der Folge nachahmten. Auch rühmt man seine Kunst nach der Natur Zerrbilder aufzunehmen, die er dann durch seine Phantasie steigerte.
Die Aufgabe in dem farnesischen Saale war gross, und Hannibal
arbeitete bei aller technischen Fertigkeit sieben Jahre daran. Wir
erblicken hier an der gewölbten Decke und in den beiden grossen Bogenfeldern, den Triumph des Bacchus mit Ariadne, die Geschichte der Galathea und Cephalus und Aurora; dann Juno mit dem Gür- tel der Venus, Diana und Eudymion, Herkules bei Jole, Venus mit Anchises. Dazwischen noch eine Menge kleiner Gemälde, zum Theil einförmig, und meist ebenso fröhliche, nackte und üppige Darstellungen aus Ovid und andern Mythologen, Vorstellungen, von denen viele klassische Vollendung tragen. Doch erhielt er durch die Ränke des Spaniers Juan de Castro, des Günstlings des Car- dinals Odoardo Farnese, nur die elende Belohnung von 500 Tha- lern, während Tausende an mittelmässige Maler verschwendet wur- den. Durch eine solche Ungerechtigkeit niedergebeugt, und sich entehrt führend, warf er die Werkzeuge seiner Kunst weit von sich, und starb in Rom in der Blüthe der Jahre. Der ehrwürdige Prälat Agucchi, der alte Freund seiner Familie, schloss dem Le- bensmüden die Augen.
Annibale Carracci hinterliess auch viele Ölbilder, die in verschie-
denen Gallerien zerstreut sind. Darunter findet man auch eigentliche Landschaften, z. B. im Palaste Doria zu Rom, die mit biblischen Gegenständen staffirt sind. Sie sind vorzüglich in der Composition, zeigen aber wenig Ausführung im Einzelnen und dabei einen grauen, keineswegs angenehmen Farbenton. Ausgezeichnet ist jedoch die Landschaft mit dem Täufer Johannes in der herzogl. Leuchtenbergischen Gallerie zu München, wo auch die königl. Pinakothek mehrere schöne carracci'sche Bilder bewahrt.
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