Carstens unterschied sich von den Künstlern seiner Epoche (Cades, Camuccini

Carstens unterschied sich von den Künstlern seiner Epoche (Cades, Camuccini, Landi etc.) durch eine tiefere Bedeutung und charakteristischere Beziehung des Ausdruckes, eine lebendige Ideenfülle und grossartige originelle Behandlung; aber ihm fehlte der Sinn für die Farben. Bei seinem Erscheinen in Rom erblickte man wieder zum erstenmale die Poesie der Kunst, welche seine Werke trotz ihres unscheinbaren Gewandes über alle Pinseleien jener Zeit erhebt.

Er hatte die Kunst von der wahrhaft poetischen Seite ergriffen, und sich durch Lesen, aber mit steter Rücksicht auf seine Kunst, seinen Geist auszubilden gesucht. Vornehmlich beschäftigte ihn das Lesen von deutschen Übersetzungen der alten Classiker, aus denen er am liebsten den Stoff zu seinen Compositionen entlehnte, indem er sich zu Gegenständen der griechischen Götter- und Me- roenwelt vorzüglich hingezogen fühlte. Biblische und christliche Gegenstände hat er nie zu Vorwürfen gewählt, weil er in dieser Hinsicht in den Vorurteilen seiner Zeit, welche sie für ungün- stig für die Kunst erklärte, befangen gewesen zu sein scheint. So auf jenem Felde in den Besitz einer ächten Kunstbildung gelangt, betrachtete er den richtigen und lebendigen Ausdruck der darge- stellten Idee als die wesentlichste Forderung an ein Kunstwerk. Ein wahrer, durchgeführter und dem Charakter des Gegenstandes ange- messener Stil ist in dieser Forderung schon mit inbegriffen, weil nur durch diesen die Ideen plastisch und auf kunstgemässe Weise dargestellt werden können.

Statt dass also das Hauptverdienst der meisten damaligen Kunst- werke in der Vermeidung einzelner Fehler und in sorgfältiger Aus- führung einzelner Theile nach dem Modell und Gliedermann be- stand, so waren Carstens Werke durch bedeutende Auffassung des dargestellten Gegenstandes und durch einen schönen Sinn des Gan- zen ausgezeichnet. Hingegen erschienen dieselben im Einzelnen keineswegs fehlerfrei, und dies war denn auch die Seite, von der ihn seine Gegner angriffen, zu denen die meisten damals in Rom lebenden deutschen Künstler gehörten, welche seine von den ihri- gen ganz abweichende Ansichten allerdings sehr empfindlich traf- fen mussten, da, unter der Voraussetzung ihrer Richtigkeit, sie sich von der wahren Kunst weit entfernt befanden.

Die von Carstens hinterlassenen Compositionen zeigen eine frucht- bare und wahrhaft dichterische Einbildungskraft. Seine Darstellun- gen aus dem griechischen Alterthume, z. B. aus Homer, den Argonauten (von dem berühmten Landschaftszeichner Koch nach des Künstlers Entwurf nach einer Folge von Zeichnungen gestochen), die Barke Charon’s, das Gastmahl Ulysses’s, seine Vorstellungen aus Dante und Ossian tragen alle das Gepräge eines hohen, schöpferischen

Geistes, eines poetisch feingebildeten Genius, einer lebendigen Thantasie. Schade, dass er sich am Ende einliess, philosophische Ideen bildlich auszudrücken zu wollen, als unter andern Zeit und Raum. Der Alte mit Flügeln und Sense ist eine abgedroschene Idee, und der Jüngling mit der Himmelskugel in der Hand unver- ständlich. Das Uebersinnliche gehört nicht in die Sphäre der Kunst.

Seine Darstellungen aus dem griechischen Alterthume, welche den grössten Theil derselben ausmachen, sind entfernt von aller nur formellen Nachahmung der Antiken, und verrathen ein wahres Ein- dringen in den Geist der alten Welt. Dieser Künstler erkannte sehr wohl den Unterschied zwischen Malerei und Plastik, und konnte daher nie das Bestreben haben, die in der Natur des Re- liefs liegenden Schranken der Anordnung in die malerische Com- position zu übertragen. In seinem Styl der Zeichnung herrscht eine ideale Grossheit, und obgleich in demselben der Einfluss des Ra- fael, Michelagnolo und der Antiken erscheint, so trägt er doch dabei einen eigenthümlichen originellen Charakter.

Die Ölmalerei ward von Carstens zu spät angefangen, als dass er darin die gehörige Übung hätte erlangen können. Die von ihm ausgeführten Ölgemälde sind nicht vorzüglich ausgefallen, und da- her werden weit mehr als diese seine Zeichnungen und Aquarell- malereien geschätzt. Seinem Geiste wäre ohne Zweifel die Fresco- malerei vorzüglich angemessen gewesen, die er auch wohl leichter als die Ölmalerei erlernt haben würde, wenn er die Gelegenheit zu ihrer Ausübung gefunden hätte.

Bei den unläugbaren Mängeln der Kunst des Carstens bleibt er doch, insbesondere in Bezug auf seine Zeit, eine höchst merkwürdige und ausgezeichnete Erscheinung. In der Composition dürfte er in seinen bessern Werken classisch genannt werden können. Er scheint ausgebildet in diesem Theile der Kunst und keineswegs ein blosser Schizzist, wie der Engländer Flaxmann, der vor ihm in Rom auf- getreten war. In seiner Zeichnung offenbart sich, bei dem Mangel an Correktheit, der allerdings noch weit auffallender hervorgetre- ten sein würde, wenn er Gelegenheit gefunden hätte, Werke von grösserer Dimension auszuführen, Leben, Bewegung und ein schö- ner grosser Sinn, und daher muss er, tiefer betrachtet, immer noch als ein weit grösster Zeichner erscheinen, als die in dieser Eigen- schaft gepriesenen Akademiker der damaligen und gegenwärtigen Zeit, deren Hauptverdienst nur in negativer Correktheit besteht, und die weder Leben, noch Sinn für Styl und Schönheit zeigen. Die Einseitigkeiten, auf die er im Widerspruche mit seiner Zeit verfiel, lassen sich als eine nothwendige Reaction betrachten, da mit wenigen Ausnahmen, im Laufe der menschlichen Dinge ein Ex- trem das andere hervorzurufen pflegt.

Ungeachtet der heftigen Gegner, welche Carstens fand, fing doch durch seine Anregung sehr bald an, ein lebendigerer Geist Wurzel unter den deutschen Künstlern in Rom zu fassen. Unter die Maler, welche die von ihm eröffnete Bahn mit glücklichem Erfolge betra- ten, gehört vornehmlich Gottlieb Schick aus Stuttgart.

Vergl. Beschreibung von Rom von Plattner, Bunsen etc. 578 und die Nachrichten im Kunstblatte.

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