Brunelleschi, Filippo — ein berühmter Baumeister , geb. zu Florenz 1375 oder 1377, gest. 1414. Er übte anfangs die Goldschmiedekunst , fand sich aber dann ganz von der Liebe zur Bildhauerei erfüllt, und schloss mit Donatello, der ebenfalls noch jung war, ein freundschaftliches Bündnis, das ihn zur Nacheiferung anspornte. Die Fortschritte in dieser seiner neuen Kunst waren bedeutend und daher konnte er bei dem Concourse zur Verfertigung der Bronze- thüren des Battisteriums als Mitbewerber auftreten; ja er würde sonst den Vorzug erhalten haben, wenn nicht Ghiberti unter der Zahl gewesen wäre. Man wollte Brunelleschi sogar am Werke zugleich teilnehmen lassen, allein dieser wollte den Ruhm nicht mit einem zweiten teilen. Brunelleschi war auch in der Malerei erfahren; vor allen aber war es die Baukunst, die ihn anzog. Er ging mit Donatello nach Rom , um die großen architektonischen Monumente zu studieren, und hier nahm er Pläne auf, ver- mess die antiken Gebäude, suchte den wahren Charakter der Säulenordnung zu ergründen und suchte sich ein System zu bilden, das eine Umwälzung in der Architektur hervorbrachte. Er warf sich zum entschiedensten Antagonisten des immer weiter um sich greifenden gotischen Geschmackes auf, benutzte wohl das in seinem Stil taugliche Gotische, verbannte aber den Spitzbogen gänzlich und brachte die Baukunst in solcher Vollkommenheit, dass seine Werke noch heut zu Tage die Bewunderung der größten Kenner verdienen.
Nach Arnolfo di Lapo’s Tod war Niemann mehr da, der es gewagt hätte, die Kuppel der Kirche St. Maria del Fiore zu Florenz zu wölben. Durch die Vollendung dieses Werkes wollte Brunelleschi seiner Kunst die Krone aufsetzen, und unablässig waren daher die Studien, die er zu diesem Ende machte. Mehrere Jahre dauerten die Beratungsschlagungen über die Art und Weise, wie die Kuppel am sichersten zu wölben sei, und endlich lud man auf einen bestimmten Tag des Jahres 1420 die berühmtesten Baukünstler von ganz Europa nach Florenz ein, um über den Bau zu berathen. Darunter war auch Brunelleschi. Es war interessant, die auffallenden und so verschiedenen Ansichten zu hören, die selbst von Ungereimtheiten nicht entfernt waren. Keiner machte sogar den Vorschlag, man soll das Ganze mit Erde ausfüllen, und selbe mit Hellerstücken untermischen, um dadurch nach Vollendung des Baues das Volk zum Wegführen der Erde zu reizen. Keiner glaubte das Gewölbe ohne vieles Holz und Pilaster machen zu können, und nur allein Brunelleschi erklärte, dieses mit wenigen Auslagen und ohne Bogengestelle zu bewerkstelligen. Man verlachte den Meister als einen Narren, weil er sagte, man könne auf keine andere Weise wölben; es sei notwendig, dass die Kuppel sich
in der Beugung eines gespitzten Viereckes wölbe und dass sie doppelt gemacht werde, die eine Wölbung von innen, die andere von aus- sen. Nun kam Philipp in Eifer, sagte immer mehr Gewagtes, man glaubte ihn daher um so weniger, hielt ihn für einen Dummkopf und liess ihm zuletzt als einen wahren Narren aus dem Saale schlep- pen. Die Bauherrn waren nun in ernstlicher Verlegenheit. Jene
Männer fanden zu grosse Schwierigkeiten und Bruneleschi schien ihnen ganz verrückt. Letzterer hätte jedoch durch ein kleines Mo- dell die Richtigkeit seiner Ansicht darthun können, doch er wollte dieses nicht, weil er die schwache Einsicht der Bauherrn, den Neid der Künstler und die geringe Beständigkeit der Städter kannte. Bei einer zweiten Versammlung überwies er sie endlich alle, und damals soll er die Geschichte mit dem Ei vorgebracht haben. Als nämlich die Architekten verlangten, Philipp möchte sich mehr im Einzelnen aussprechen, und sein Modell zeigen, so sagte er, er wolle demjenigen die Aufführung der Kuppel zuerkennen, der auf einer ebenen Marmortafel ein Ei auf die Spitze stellen könne. Kei- nem gelang der Versuch, nur dem Bruneleschi, aber dieser schlug die Spitze ein. Die Künstler schrien zusammen: das hätten wir auch gewusst, allein Philipp belächelte sie; und sagte: wenn ich euch mein Modell gezeigt hätte, so hättet ihr auch gewusst, wie man die Kuppel wölbe.
Der Bau wurde nun dem Bruneleschi übertragen, aber doch mit einigem Misstrauen, denn man setzte ihm den Lorenzo Ghiberti an die Seite, jedoch zu seinem Ärger. Beide Meister arbeiteten nun gemeinschaftlich, jeder nach seinem Modelle, bis zum Jahre 1420. Jetzt erreichte der Unwille Bruneleschi's den höchsten Grad, denn man nannte Ghiberti so gut, wie ihn, den Erfinder. Endlich stellte sich Philipp krank und Lorenzo leitete den Bau, allein er hatte die Einsicht nicht und verriet seine Blösse, worauf unserm Künstler die alleinige Leitung des Baues übertragen wurde. Er führte ihn mit grösster Pünktlichkeit und wölbte seine Riesen- kuppel, des Hohnlachens aller zusammenberufenen Baumeister von ganz Europa nicht achtend, mit sicherer Berechnung ohne Armatur und wurde der Schöpfer des berühmtesten architektonischen Heldenwerkes eines grossen Zeitalters. Wegen hohen Alters konnte er die Laterne nicht mehr vollendet sehen; aber sie wurde nach seinem Modelle ausgeführt und der Schlussstein 1456 gelegt.
Bruneleschi war mit Leo Battista Alberti der Erste, welcher die antike Baukunst wieder in Anwendung zu bringen suchte. Dieses Streben ist in allen seinen Gebäuden, und auch in diesem Kuppel- bau, sichtbar. Die Architektur der beiden Stockwerke der Kuppel, so wie jene der langen Seitenwände, welche über dem höheren Mittelschiff aufsteigen und das obere Dach tragen, ist gar nicht gotisch, wie mehr oder minder noch die übrige Bekleidung, son- dern in antiker Art. So ist auch die einförmige Kuppel selber mit ihren ungeheuern, ganz zierlosen Flächen, und der antiken La- terne droben, fremdartig, und nach von der Hagen (Briefe in die Heimath I[. 206) der ganze Bau immer eine seltsame Zusammen- setzung aus gotischen und antiken Elementen, aus Kreisen, Halb- kreisen, Ellipsen, Dreiecken und Vierecken aller Art, ohne recht lebendige durchdringende Verbindung und Stätigkeit.
Der Grundriss und Durchschnitt des Domes ist bei d’Agincourt, Einzelheiten der Säulen und Gewölbe und die Kuppel sind bei Ci- cognara abgebildet.
Obgleich der Bau der Kuppel grosse Anstrengung und Aufmerk- samkeit erforderte, so war er doch weit entfernt, Bruneleschi's Thätigkeit ganz in Anspruch zu nehmen. Sein Ruhm war verbrei-
? , tet und daher wollte man bei allen wichtigen Unternehmungen sich seiner Kunst bedienen. In Mailand entwarf er den Plan zum Fe- stungsbaue. Von ihm sind auch die Plane zum Vico Pisano, die der beiden Citadellen von Pisa, der Befestigung von Ponte a Mare und des Forts am Hafen zu Pesaro, lauter Beweise seines umfas- senden Talentes.
Der Großherzog Cosmus von Medici ließ durch ihn die Abtei der regulierten Chorherrn zu Fiesole erbauen, und etwas später (1425) erhob sich unter seiner Leitung zu Florenz die schöne Ba- silika S. Lorenzo, zu welcher er jedoch den Grundplan nicht ge- macht hatte. In dieses Gebäude, so wie in S. Spirito, ist der Stil der ältesten Kirchen in Rom nachgeahmt. Man sieht antike Säulen mit Rundbogen und flacher Decke; der Künstler setzte auf die Säulenknäufe, von denen sonst unmittelbar die Bogen aufstei- gen, erst noch das vollständige Gebälk. S. die Abbildung bei d’Agincourt.
Derselbe Cosmus trug dem Künstler auch auf, ein Modell zu einem prächtigen Palaste zu machen. Bruneleschi erfasste mit Be- geisterung seinen Plan, aber der Palast schien dem Medici zu groß; er wollte den Bau nicht unternehmen, und der Künstler vernichtete aus Verdruss sein Modell. Cosmus bereute es in der Folge, dass er das Werk eines Mannes nicht angenommen, des- sen Talent er schätzte. Später erbaute er den berühmten Pal- last Pitti, den größten in Florenz. Indessen führte Bruneleschi den Bau nur bis zur zweiten Etage, die Ammanati vollendete, so wie das Innere des Hofes, wovon die Originalzeichnungen verlo- ren gingen. Unvollendet hinterließ er auch die oben erwähnte Kirche St. Spirito, die er auf den Ruinen der alten zu bauen be- nannte. Diese Kirche gehört zu den schönsten architektonischen Denkmälern in Florenz. Unvollendet ist ebensowenig der kleine runde Tempel degli Angeli.
Bruneleschis größte Thätigkeit ist also in Florenz zu suchen; allein auch auswärtige Fürsten nahmen ihn in Anspruch. Der Mar- quis von Mantua ließ durch ihn Pläne und Modelle fertigen und als Papst Eugen IV. von Cosmus von Medici einen geschickten Ar- chitekten verlangte, schickte ihm dieser den Bruneleschi mit einem Briefe, der mit den Worten endigte: „Ich schicke Eurer Heiligkeit einen Mann, der die Welt umzudrehen im Stande wäre“, was mit seinem unbedeutenden Äusseren sonderbar contrastirte.
Von seinen Bildhauerarbeiten hat sich wenig erhalten. In S. Ma- ria Novella ist ein schönes hölzernes Kreuzifix, bei Cicognara abge- bildet.
In S. Maria del Fiore ist der Künstler begraben und auf seinem Denkmal sieht man seine Büste mit einer Inschrift.
Bruneleschi bildete mehrere Schüler, und darunter geschickte Künstler, die nach den Planen und unter der Leitung des Mei- sters arbeiteten. Ein solcher war Luca Fancelli, der beim Baue des Pitti verwendet wurde. Der berühmteste seiner Schüler aber war Michelozzo, der in des Meisters Fussstapfen trat und in sei- ner Weise arbeitete. Auch Anton Manetti und Bigiano zählt man unter seine Schüler. Vgl. Quatremöre und Vasari etc.
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