Bodmer, Gottlieb, einer der berühmtesten Lithographen Deutsch-
lands, Sohn eines k. b. Schullehrers im Landgerichte München,
wurde geboren und kam in seinem 16. Jahre auf die k. Aka-
demie zu München. Er widmete sich hier der Historienmalerei,
musste aber nach dem Tode seines Vaters, da er ausser einem
Cabinetsstipendium keine Hilfsmittel hatte, das Portraitfach ergreifen,
malte in den Jahren von 1824 bis 1829 in München viele Por-
traite, und verdankte in diesem Fache vieles dem als Mensch und
Künstler gleich achtbaren Hofmaler Stieler. Seine Bildnisse ver-
raten ein ungemeines Talent für charakteristische Auffassung und
Gediegenheit in der technischen Behandlung. Keines dieser Bilder,
ein schönes Landmädchen aus dem Achenthale, das aus der mit
Weinlaub umrankten Fensteröffnung blickt, und sich mit beiden
Armen auf das Gesimse lehnt, hat der Künstler in neuester Zeit
durch die Lithographie bekannt gemacht. Er malte dieses Bild
1827 im Bade Kreuth bei Tegernsee , und erwarb sich damit auf
der Kunstausstellung zu München’ grosse Anerkennung.
Im Jahre 1829 wurde er durch den Buchhändler Frankh aus Stutt-
gart veranlasst, die berühmte Madonna di S. Sisto, Rafael’s Meister-
werk in der K. Gallerie zu Dresden , durch die Lithographie
wieder zu geben, und nun machte sich Bodmer unter der Leitung
seines Freundes Winterhalder, der damals als der erste Lithograph
bekannt war, an ein ihm gänzlich fremdes Fach. Zur Zeit der
Beendigung dieses Bildes hatten sich die Verhältnisse Frankh’s ge-
ändert, und Bodmer sah sich daher zur eigenen Herausgabe des
Werkes genötigt, da er niemand fand, der ihm den Stein für die be-
dürftige Summe ablöste, doch fand der Künstler dabei seine Rech-
nung wider alle Erwartung günstig. Die Madonna ist nach Müller’s Stich dargestellt,
und die Nachbildung höchst gelungen. Der Charakter und Ausdruck der Köpfe, die Zeichnung der nackten
Theile und Gewänder sind mit ausnehmender Genauigkeit wiedergegeben, und in der zarten Ausführung jedes Einzelnen, wie in
der Haltung des Ganzen, hat der Künstler die Wirkung des Kup-
ferstiches auf eine bewunderungswürdige Weise zu erreichen ge-
wusst.
Die gnädige Aufnahme, welche Bodmer’s erste lithographische
Arbeit fand, bestimmte denselben, noch einige andere zu unter-
nehmen; er wählte zunächst zwei Bilder von Heinrich Hess zur
Nachbildung, die Christnacht und ein Altarbildchen, die wegen
des heiligen und frommen Sinnes und wegen der Zartheit des Sty-
les, der in ihnen herrscht, in ganz Deutschland Beifall fanden.
Im Jahre 1831 unternahm der Künstler eine Reise nach Paris,
wo er ein Paar Monate zu verweilen gedachte, allein von der
Schönheit und dem regen Leben der Stadt und ihren herrlichen
Kunstschätzen angezogen, dehnte sich der Aufenthalt auf ein Jahr
aus, den ihm die Bekanntschaft mit grossen Künstlern immer an-
genommen machte.
Er schwankte lange, ob er sich als Lithograph oder als Maler
ausbilden sollte. Zur Malerei hatte er eine natürliche Neigung,
er zog aber dennoch die Lithographie vor, weil sich ihm zur Ver-
vollkommnung in dem technischen Theile dieser Kunst besonders
günstige Gelegenheit darbot, indem er bei Grevedon u. Maurin Nodl
Bodmer, Gottlieb.
eingeführt wurde, und sich der speziellen Freundschaft des letzte- ren erfreute.
Bodmer benützte mit gewissenhaftem Eifer die ihm dargebotene Gelegenheit und bereicherte in jeder Beziehung das Gebiet seines künstlerischen Wissens, besonders in der so schwierigen lithogra-
phischen Technik, in welcher die Franzosen, obgleich München die Wiege dieser jüngsten Tochter der Kunst ist, am weitesten
vorgerückt sind.
In Paris entstanden damals Amor und Psyche, ein ungemein zartes Blatt nach Gerard; Le premier bain, nach Court; zwei Polen, nach Cogniet, Monna Lisa, nach Leonardo da Vinci, und einige andere Blätter.
Nach seiner Rückkehr in München lithographierte er verschiedene Darstellungen; neben andern ein schönes Crucifix nach J. Hauber und behielt die Blätter meist in eigenem Verlage, der bereits aus 60 Platten besteht, deren Abdrücke in allen Gegenden Deutsch- lands verbreitet sind.
In neuester Zeit lithographierte er den Abschied König Otto’s von Griechenland nach Foltz. Dieses treffliche Tableau, welches durch die Darstellung eines merkwürdigen Momentes historische Wichtigkeit erlangt hat, enthält die Porträts des allerhöchsten Ho- fes und des sämmtlichen Adels, alle von Bodmer nach dem Leben
gezeichnet. Ein vorzügliches Werk, so wie das obige im grossen
Formate, ist der Schweizer Grenadier nach Kirner’s schönem Ge- mälde, im Besitze des Großherzogs von Baden, welcher dem Künst- ler in einem eigenen Schreiben seine Zufriedenheit ausdrückte und selben mit einem Brillantringe belohnte.
Einer rühmlichen Erwähnung verdienen auch die Porträts der Fürstin von Thurn und Taxis, der Erzherzogin Sophie von Ös- terreich, der k. Prinzessin Marie von Bayern, der Erbgroßherzo- gin Mathilde von Hessen-Darmstadt und jenes von König Otto von Griechenland, nach Stieler.
Im Jahre 1834 besuchte Bodmer die Kaiserstadt Wien, wo er durch Verwendung Ihrer Kaiserlichen Hoheit, der Frau Erzher- zogin, die Erlaubnis erhielt, in der k. k. Galerie mehrere Bilder lithographieren zu dürfen, welche in einem projektirten Werke nächstens erscheinen werden. In dem bezeichneten Jahre entstand auch die Nachbildung von Foltz’s schönem Bilde, welches den Ritter und sein Liebchen vorstellt, ein Blatt, das, so wie alle seine Erzeugnisse, des Künstlers Meisterschaft beurkundet. Von besonderer Lieblichkeit ist die Nachbildung der zwei Kinder des Lord Burghers, nach Lawrence, mit der Unterschrift: Nature.
Eines seiner neuesten Werke, welches im Laufe des Jahres 1835 erscheinen wird, ist das Gegenstück zum Abschied König Otto’s, von Monten componirt. Es stellt die ganze k. Familie vor, wie sie das Gemälde des an Ort und Stelle von P. Hess aufgenomme- nen Einzuges des Königs der Griechen in Nauplia betrachtet.
Durch die Bewilligung der k. Regierung, ein lithographisches Kunstinstitut in München zu begründen, und durch das von S. M. dem Könige ertheilte Privilegium, die Gemälde im prachtvollen neuen Königsbau, in welchem der kunstsinnige Ludwig der mo- dernen Kunst einen glänzenden Thron errichtete, in lithographir- ten Nachbildungen bekannt zu machen, wird in Kurzem ein Werk erscheinen, unter dem Titel: Sammlung der Werke alter und neuer Meister in allen Fächern der Kunst. Diesem großartigen Unter- nehmen wird das kunstliebende Publikum die Darstellung des In- teressantesten, was die Lithographie zu leisten vermag, verdanken.
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