Blake, William

Blake, William, Zeichner, Maler und Kupferstecher, ein geistrei- cher englischer Sonderling, Dichter und religiöser Schwärmert. Er wurde zu London von nicht sehr wohlhabenden Eltern geboren und schon früh seiner eigenen Leitung oder Missleitung überlas- sen. Im zehnten Jahre kam er in eine Zeichenschule, im vierzehn- ten Jahre zum Kupferstecher Basire, und dann studierte er abwech- selnd unter Flaxmann und Fuseli, dem Schweizer Füssli, der sich in England Fuseli nannte.

Schon als Kind zeichnete sich Blake durch die Sonderheit sei- nes Geschmackes aus. Leidenschaftlich für die gotische Baukunst eingenommen, brachte er Tage lang damit zu, die Denkmäler der Westminster-Abtei abzuzeichnen. Nebenher sammelte er Ku- pferstiche, vornehmlich nach Rafael und Michelangelo, und ver- götterte Albrecht Dürer und Heemskerk.

Seine Richtung war ihm bestimmt, und er war auch dann nicht mehr davon abzubringen, als er nachher auf der Akademie stu- dirt. Er hielt sich von seinen Mitschülern ferne, und jeder regel- mäßigen Beschäftigung entwöhnt, gehörte es zu seinem größten Vergnügen, sich in die Einsamkeit seines Zimmers zurückzu- ziehen, hier Zeichnungen zu entwerfen, sie durch Verse zu er- läutern und sie dann zusammen in dem Zimmer seiner Mutter auf- zuhängen. Am Tage beschäftigte ihn der Grabstichel, den er an- fangs lediglich nur zu Platten von Kinderbüchern verwenden musste, und die Abende verwendete er auf Malerei und Dichtkunst , und verband beide so eng in seinen Compositionen, dass eine von der anderen nicht wohl zu trennen ist. Als er 26 Jahre alt war, ver- heiratete er sich mit Catharina Boutcher, einem Mädchen von niedriger Herkunft, die schwarzäugige Küthe, die in einigen seiner lyrischen Dichtungen vorkommt. Diese war ganz für ihn geschaf- fen; sie hielt ihn für das grösste Genie auf der Erde, sowohl was

Seine Gedichte als seine Zeichnungen anbelangt; vor den wildesten Ausbrüchen seiner Einbildungskraft beugte sie ihr Knie und betete ihn an. Sie besorgte sein einfaches Hauswesen, fand den Weg zu Hause glücklich zu sein, lebte auf die einfachste Weise und war kein gewöhnliches Weib. Sie colorierte die Abdrücke von Blake’s Platten mit leichter und zierlicher Hand, entwarf Zeichnungen im Geiste von ihres Mannes Compositionen und wetteiferte fast im al- len Dingen mit ihm, ausgenommen in der ihm eigenen Kraft, Vi- sionen von lebenden oder toten Menschen zu haben, wenn er sie haben wollte. Am Abende wahrte er mit den Toten zu ver- kehren und er bildete sich wahrhaft ein, in früherer Zeit gelebt, mit Homer und Moses, mit Pindar und Virgil, mit Dante und Milton Freundschaft geschlossen zu haben. Unzählig sind die Köpfe, die er aus seinen visionären Besuchen entwarf. Einer seiner Brüder, ein Künstler wie er, hielt ihn oft dazu an, die Por- traite derer zu zeichnen, die ihm erschienen. Seine geistigen Besuche waren so galant, dass sie auf den Wunsch seiner Freunde sich wiederholten. Selbst die Seelen der Thiere erschienen ihm. So z. B. stellte er den Geist eines Frosches als eine nackte Figur mit kräftigem Körper und kurzem Halse dar, mit brennenden Augen, und mit einem Gesichte, würdig eines Mörders, einen blutigen Becher in ihren Händen haltend, woraus sie mit Heftigkeit zu trin- ken scheint. Die Haut ist schuppig von goldener und grünschil- lernder Färbung.

Indessen hatte Blake nicht immer solche närrische Ideen, aber erst in seinem fünfzigsten Jahre konnte er bei dem größeren bri- tischen Publikum Eingang finden, und zwar durch seine Zeich- nungen zu Blair’s Grave (The Grave), einem bei ernsten Gemüthern schroff belächelten religiösen Gedicht, welches die Kunstkritiker in Be- tracht seiner Schönheiten und Auswüchse, gleich merkwürdig fanden, und wegen des Mangels an Geschmack und Zartheit tadeln, während sie die Kraft und Erfindungsgabe des Dichters bewundern. Den Stich dieser 12 Zeichnungen besorgte Schiavonetti.

Nachdem Blake durch diese Zeichnungen bekannt geworden war, trat er ohne Scheu öffentlich hervor. Er eröffnete daher 1810 eine Ausstellung seiner Frescogemälde und kündigte an, dass er die verlorene Kunst der Frescovmalerei wieder erfunden habe. Er for- derte diejenigen, welche angenommen hatten, seine Werke seien ohne Wissen und ohne Ebenmass, Sudeleien eines Tollhäuslers, auf, sie jetzt genauer zu untersuchen. Zu gleicher Zeit gab er ein beschreibendes Verzeichnis dieser Frescogemälde heraus, ein Mischmasch ohne Plan und Ordnung. Er zieht hier mit Heftigkeit gegen die Ölmalerei und gegen die Künstler aus der niederländi- schen und venetianischen Schule los. Er klagt im heiligen Eifer die verhassten Künstler als böse Geister, und die neuere Kunst als eine Geburt der Hölle an. Helldunkel nennt er ein höllisches Werkzeug in der Hand niederländischer und venetianischer Teufel, Rubens ist ihm ein gewaltthätiger, hochfahrender Teufel, Correggio ein weichlicher, weibischer und daher höchst grausamer Teu- fel. Diese Künstler sind nebst Titian und Rembrandt die immer- währenden Gegenstände seines Tadels, und zum Schlusse sagt er: „Bis wir uns ihrer entledigen, werden wir nie Raphael und Albrecht Dürer, Michelangelo und Giulio Romano beikommen.“ Diese Mei- ster liebte er, weil sie mit seiner goldenen Regel der Kunst har- monierten: „Je bestimmter, schärfer und genauer die umgrenzende Linie ist, desto vollkommener ist auch das Kunstwerk, und je weniger scharf und schneidend jene, desto größer die Gewissheit schwacher Nachahmung, Diebstahls und Pfuscherei.“

Er liebte besonders die Stärke der Umrisse und diese behielt er auch in der Verkörperung geistiger Wesen bei, worin sein größter Genuss bestand. In einer seiner besten Zeichnungen „Der Tod des starken und bösen Menschen“, liegt der Körper im Todes- kampf körperlicher Leiden, und ein zerbrochenes Gefäß, dessen Luft ausfliesst, deutet den Augenblick des Todes an, während die Seele in eine Flamme gehüllt, vom Kopfkissen aufsteigt. Diese ist zugleich eine Nachbildung des Leichnams, wenn gleich in ver- änderter Stellung, mit dem gut getroffenen Ausdrucke des Schre- ckens aus dem Fenster fliehend. In einigen gestochenen Zeichnun- gen erscheint die Seele über dem Leichnam schwebend, den sie nur ungern verlässt, in andern die Wiedervereinigung beider bei der Auferstehung u. s. w. Dies sind ungefähr seine anstößigsten Erfindungen. Ihm erschienen die Geister als organisierte Menschen, nicht nebelhafte Gebilde, vielmehr organische, mit allem bis auf’s Kleinste versehene Wesen, von einer Vollkommenheit, wie sie gar keine sterbliche und vergängliche Natur hervorbringen kann. Er sagte, dass derjenige, der sich nicht bedeutendere und schönere Linienamente in einer bedeutenderen und schöneren Beleuchtung, als sein sterbliches Auge zu sehen vermag, denken kann, der denkt gar nicht. Diese Idee spricht sich in seinen Werken aus.

Sein grösstes und vollendetstes Gemälde sind die alten Britten, nach einem jener seltsamen Überbleibsel der alten Walischen Dicht- kunst, welches Owen unter dem Namen von Triaden gibt. Eines seiner best ausgeführten Werke ist auch das Gemälde von Chaucer’s Pilgrimmen, weil der Künstler, durch seinen Vorwurf gebunden, nicht auf eine zurückstossende Art ausschweifen konnte. Es er- schien auch im Stich, wenigstens wurden 1811 Unterschriften dazu gesammelt.

Außerordentlich merkwürdig ist die Ausgabe der vier ersten Bücher von Youngs Nachtgedanken, welche 1709 in Folio erschien, und gar nicht mehr im Buchhandel zu haben, überhaupt äußerst selten ist. In dieser Ausgabe steht der Text in der Mitte der Seite; auf den Seiten, so wie oben und unten, Radierungen von Blake nach sei- nen eigenen Zeichnungen. Sie sind von sehr ungleichem Werthe. Zuweilen wetteifern die Erfindungen des Künstlers mit denen des Dichters, oft sind sie aber nur eine widersinnige Übersetzung derselben, durch die unglückselige, Blake eigene Idee, dass alles, was die Phantasie dem geistigen Auge vorspiegelt, auch wieder- leuchtend dem körperlichen zu schmecken gegeben werden müsse. So ist Young buchstäblich übersetzt und sein Gedicht in ein Ge- mälde verwandelt worden. Merkwürdig ist ein Bändchen Gedichte von unserm Künstler, welches nur noch bei Sammlern angetroffen wird. Es ist in Duodez und hat den Titel: Gesänge der Unschuld und Erfahrung, die beiden entgegengesetzten Zustände des mensch- lichen Gemüths erklärend, verfasst und gedruckt von W. Blake (Songs of innocence and of experience, shewing the two contrary states of the human soul.).

Die Buchstaben scheinen geätzt zu seyn, und der Abdruck ist in Gelb gemacht. Rund umher und zwischen den Zeilen finden sich alle Arten von Radierungen; zuweilen gleichen sie den Hiero- glyphen der Aegypter, zuweilen bilden sie wieder nicht unzierliche Raben. Diese Miniaturgemälde sind von den lebhaftesten Far- ben und oft grotesk, so dass das Buch ein äusserst seltsames An- sehen bekommen hat.

Ausser diesen Liedern gibt es von Blake noch zwei andere Werke der Poesie und Malerei, die 1794 in Quartbänden gedruckt und auf dieselbe Weise verziert sind, nämlich: Europa, eine Weissagung

(Europa: „a prophecy“), und Amerika, eine Weissagung (America, a prophecy).

Die edelsten unter allen Werken Blake’s sind die Skizzen zu dem Buche Hiob, die er selbst stach. Diese Erfindungen, wie sie der Künstler zu nennen beliebte, gibt es 21. Sie stellen den Mann von Uz vor, wie er seine Würde mitten unter den Anfechtungen des Teufels, den Vorwürfen seiner Feinde und den Beleidigungen sei- nes Weibes zu behaupten weiß. Solche Dinge waren es, in denen Blake glänzte; die heilige Schrift hielt seine Einbildungskraft im Zaume, und er war zu fromm, um von dem Buchstaben abzu- weichen.

Während er sich mit diesen merkwürdigen Schöpfungen beschäf- tigte, war es ihm empfindlich, dass ihm der geringe Beifall, mit dem ihn die Welt von jeher erfreut hatte, schnell entzogen wurde. Seine wunderliche Phantasie und die eigenthümliche Ausführung seiner Compositionen waren gleich unpassend, um allgemeines An- erkenntniss zu finden. Die Nachfrage nach seinen Werken nahm von der Zeit an, wo er seine Pilgrimschaft nach Canterbury un- ternahm, jährlich ab, und er konnte sich, als er in den Jahren vorrückte, kaum den nöthigen Lebensunterhalt verschaffen. Der Stich seiner Erfindungen zum Buche Hiob fristete ihm indessen das Leben wieder; denn der alte Mann arbeitete stets mit allem Feuer der Jugend, und mit eben so viel Geschicklichkeit als Enthusias- mus. Die genannten Kupferstiche sind sehr selten, sehr schön und ganz eigenthümlich. Sie sind in der früheren Manier der Kunst und haben keine Aehnlichkeit mit dem zierlichen und graziösen Styl, der jetzt der herrschende ist.

Die Gesänge der Unschuld und diese Erfindungen zum Hiob sind die gelungensten unter den Werken Blake’s.

Sein letztes Bild war das seiner getreuen Catharina, die er im Bette sitzend noch mit schwacher Hand, fast sterbend malte. Er empfing mit wahrer Freude den Tod am 12. August 1828 in einem Alter von ungefähr 70 Jahren.

Näheres über diesen sonderbaren Mann S. Vaterländisches Mu- seum II. B. erstes Heft S. 107 f. Hamburg 1811, und Zeitgenossen dritte Reihe II. B. XII Heft S. 171.

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