Berrettini (Beretino), Pietro, Maler und Baumeister, genannt Pietro da Cortona, von seinem Geburtsorte, geb. , gest. 1660. Er erlernte die Kunst bei seinem Vater Johann, einem Ma- ler und Baumeister , bei dessen Bruder Philipp, und hierauf bei And. Comodi und Baccio Ciarpi in Rom , wohin er in seinem vier- zehnten Jahre kam. Pietro da Cortona brachte den mit Lanfranco begonnenen Geschmack in der Malerei zur vollkommenen Ausbil-
dung. Es ist dieses die Periode, in der man die Gründlichkeit der Carraccischen Schule verließ, und sich mit einem oberflächlichen Effekt für den Sinn, wie bei Theaterdekorationen zu begnügen be- gann, und die Malerkunst dadurch zu einer völlig gehaltlosen und unbedeutenden Verzierung herabwürdigte. Pietro ragt jedoch ohne Zweifel über diejenigen Maler hervor, die nach ihm den von dem- selben bezeichneten Weg betraten. Die Natur hatte ihm ein un-
gemein leichtes Talent, aber ohne Tiefe des Geistes verliehen. In- dem seine Werke bei oberflächlichem Anblick fruchtbare Ein-
bildungskraft zu verraten scheinen, zeigen sie bei tieferer Be- trachtung Armuth des Geistes. Man bemerkt in ihnen grosse Mannigfaltigkeit in Stellungen, aber mit höchst auffallender Ein- förmigkeit des Charakters verbunden, und es dürfte sich mit ge-
ringer Ausnahme behaupten lassen, dass P. da Cortona für jedes
Geschlecht und Alter nur eine Figur und Geistesbildung hatte, die sich in verschiedenen Stellungen und Ansichten wiederholt. Seine Zeichnung ist oberflächlich und dabei entschieden manieriert, vor- nehmlich aber in den Gewändern, die einen ganz willkürlichen Faltenwurf, in einem ebenfalls sehr einformigen Charakter zeigen, durch den man vornehmlich ihn und seine Schule auf den ersten Blick erkennen kann. Er suchte nicht den Ausdruck der Hand- lung, sondern scheint die dargestellten Gegenstände nur als Ver- anlassung betrachtet zu haben, um durch ein Gebäude von Stel- lungen und Gruppen Effekt für das Auge hervorzubringen. Den Frauenköpfen strebte er gewöhnlich durch einen lachenden und dabei affektierten Ausdruck einen gewissen Reiz zu geben. In sei- nen Ölmalereien fallen die Schatten in das Schwarze, wie bei den meisten italienischen Malern seiner Zeit. In Freskomalereien zeigt er einen angenehmen Ton und viel Meisterschaft im Technischen; dabei aber im Colorit nicht mindere Einförmigkeit, wie in der Form und Zeichnung. Die Fleischfarbe fällt mit unbedeutenden Modificationen bei den männlichen Figuren stark in das Rothe, bei den weiblichen mehr in das Weissliche. Bei einer gesuchten Wirkung in der Farbe und Beleuchtung zeigte er keineswegs wahr- hafte Schönheit wie Correggio; er strebte überhaupt nur den ge-
meinen, unpoetischen Sinn durch conventionellen Effekt des Gan- zen mit Vernachlässigung der Wahrheit und Gründlichkeit im Ein- zelnen zu blenden. Je genauer man daher seine Werke betrach- tet, desto mehr verschwindet der Eindruck, den sie bei oberflächlicher Anschauung gewähren.
Das vorzüglichste Werk des Cortona, nach dem der Charakter seiner Kunst am besten beurteilt werden kann, ist das weitläufige Deckengemälde im großen Saale des Palastes Barberini zu Rom. Die Gegenstände desselben sind kalte, für die Anschauung unver- ständliche Allegorien, die, nach dem Verschwinden der Läec aus der Kunst, als ihre höchste poetische Aufgabe noch bis zum Ende des vorigen Jahrhunderts betrachtet worden sind.
Mengs scheint den Cortona für den ersten in der Geschichte der neuern Kunst zu halten, der den Ausdruck der Handlung dem Effekt der Anordnung und Gruppierung unterordnete. Den Keim zu diesem Abwege zeigt jedoch schon das jüngste Gericht des Mich. Angelo in den künstlich gesuchten Stellungen und Gruppen, und noch entschiedener die Werke seiner Nachahmer. Auch bei den Carracci ist er, obgleich minder auffallend, zu bemerken, und unter den Schülern derselben strebte nur Dominichino jederzeit die Anordnung nach der Idee zu bestimmen. Nur hat allerdings die einseitige Richtung nach einem gesuchten und völlig bedeutungs- losen Gruppeneffekt erst seit P. da Cortona ihre vollkommene Aus- bildung erhalten.
Unter den Schülern Berrettini’s sind Ciro Ferri und Romanelli in den Kunstbüchern mit Auszeichnung genannt worden. Sein Ge- schmack erhielt sehr bald die entschiedene Oberherrschaft in ganz Italien, wenn auch nicht mit allen Eigenschaften des eigenthümli- chen Charakters dieses Künstlers, doch im Wesentlichen der Kunst- richtung. In Rom erkennt man dieselbe vornehmlich in den weit- läufigen Deckenbildern in S. Ignazio und S. Silvestro in Capite, von denen das erste Peter Pazzi, und das zweite S. Conca ver- fertigte.
Bis auf Mengs war in Italien eine flüchtig geistvoll seyn sollende ungründliche Behandlung vorherrschend, die jedoch, weil sich in ihr wenigstens eine gewisse Freiheit und Leichtigkeit offenbarte, vielleicht immer noch den Vorzug vor einer geistlos fleissigen Aus- führung behaupten dürfte, die nicht selten einen wahrhaft peinli- chen Eindruck hervorbringt. Vergl. neueste Beschreibung Roms von Bunsen etc. I. 540.
Urtheile über Cortona lesen wir auch bei Fiorillo I 393 und 436. Nach diesem Schriftsteller bildete sich Cortona durch das Studium nach den besten Meistern der florentinischen und römischen Schule eine leichte Manier, d. h. er wusste den Schein der Vollkom- menheit seiner Vorbilder zu erreichen, indem er doch die eigent- lichen Schwierigkeiten umging, so wie es Lanfranco bei der Nach- ahmung des Correggio gemacht hatte. Da ihn die Natur mit einem grossen Feuer des Geistes für die Composition begabt hatte, so be- trachtete er diese als den wesentlichsten Theil der Kunst, weil er sich am glänzendsten dabei zeigen konnte. Er wählte immer grosse Räume anzufüllen, so dass dadurch die schönsten Contraste in Ab- sicht auf die Figuren und nicht weniger Contrapost im Helldunkel hervorgebracht wurde. So bildete er sich eine leichte und anmut- hige Stil, worin aber der forschende Kenner Mangel an Aus- druck, müsige Figuren, Ähnlichkeit in den Formen, den Mie- nen, den Kleidertrachten und selbst in den Falten entdecken wird.
Mengs hält ihn für denjenigen, der den Weg bahnte, um grosse Werke leicht zu komponiren, und glaubt, er habe besser gruppirt
Was mehr auffallen sollte, vermeidet die starke Schärfe
und die Figuren und Gruppen in einander verbunden, als alle Maler, die vor ihm gewesen sind. Übrigens rüst er auch den Maler an Ausdruck, und dass er sich mehr auf die allgemeine Wirkung, als auf die Wahrheit einschränkt.
Gothein in seiner Schrift: Winckelmann u. sein Jahrhundert S. 178, beurtheilt den Künstler kurz so: „Berretini war weniger bemüht, die Gestalt der Dinge selbst, als bloß den Schein ihrer Gestalt darzustellen; doch vergütet er die Fehler der Zeichnung, welche in seinen Werken durchaus etwas Schwerfälliges hat, mit heiterer Fruchtbarkeit der Erfindung und holdem Reiz junger weiblicher Figuren, mit fröhlich leuchtendem Colorit und harmonisch abwechselnden Farben. Diese letzte Eigenschaft verdient hauptsächlich bemerkt zu werden, dass dieselbe sein eigenes Verdienst ist, welches weder vor, noch nach ihm kein anderer in dem Maße besessen hat.”
Nach Lanzi I. 232 d. Ausg. unterscheidet sich dieser Künstler von allen andern durch den Contrast, d. h. den Gegensatz von Gruppe gegen Gruppe, Figuren gegen Figuren, Teilen gegen Teilen. Übrigens, fährt Lanzi fort, vollendet er gewöhnlich nur matte, liebt die Halbtinten und minder hellen Gründe, colorirt sorgfältig und ist Erfinder und Haupt eines Styls, den Mengs' leicht und geschmackvoll nennt. Er wendete ihn mit Beifall in Gemälden von jeder Grösse an, aber in den grossräumlichen, noch mehr an Decken, Kuppeln, Vertiefungen, trieb er ihn zu einer Lieblichkeit, welche stets Bewunderer und Nachahmer findet. Diese richtige Vertheilung, welche er, von der Baukunst unterstützt, seinen Bildern gibt, diese kunstreiche Steigerung, wodurch er über den Wolken noch die weiten Lufträume zur Erscheinung bringt, diese Gewalt in der Perspektive, dieses fast himmlische Spiel des Lichts, diese symmetrische Anordnung der Figuren hebt den Geist über sich selbst.
„Ein solcher Geschmack,” sagt Lanzi, „befriedigt zwar den denkenden Beschauer nicht immer gleichmäßig, denn weil er das Auge zu gewinnen trachtet, führt er auch müsige Figuren auf, damit es dem Ganzen nicht an der herkömmlichen Fülle gebreche, erzaubert das Auge und erfreut, und um dem Gegensatze zu fröhnen, müssen sich die Personen in den ruhigsten Handlungen gebärden. Übrigens trieb Cortona die Uebertreibungen nie so weit, wie seine Nachahmer. Bei diesen ist der leichte Styl in einen nachlässigen, der geschmackvolle in einen gekünstelten ausgewandelt.”
„Über seine architektonischen Arbeiten sagt Milizia H. 10%:
„Pietro Berrettini war verständig und zierlich in seinen Umrissen, und wusste im Ganzen seiner Gebäude ein Ansehen von Würde zu behaupten; allein er störte diese Vorzüge wieder durch den wunderlichen Geschmack, womit er sich der verschiedenen Säulenordnungen bediente.” In Rom sind Bauten von ihm; unter diesen zeigt die Kirche S. Martina auf dem Campo Vaccino in der äusserst geschmacklosen Fassade einen höchst auffallend verkehrten Styl. Etwas besser erscheinen die von ihm angegebenen Vorderseiten der Kirchen S. Maria in via lata und S. Maria della Pace.
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