Barbieri, Giov. Francesco, genannt il Guercino da Cento, eb. zu Cento , gest. zu Bologna 1660. Dieser Künstler ge- hört eher unter die Maler von Ferrara, in dessen Bereich Cento liegt, als zu den Bolognern, doch stellt man ihn unter die Car- raccisten, ohne genau angeben zu können, aus welchem Grun- de. Er besuchte die Carraccische Schule nie, sondern kehrte, nachdem er sich einige Zeit mit seinem Landsmann Cremonini in Bologna aufgehalten, nach Cento zurück und hier war er Bene- detto Gennari’s, des ältesten, Schüler, dann Amtsgenoss und nachher ihm verschwägert.
Barbieri gibt nach Lanzi drei Manieren kund. Die erste ist die minder bekannte: starke Schatten, scharfes Licht, Gesichter und Endglieder minder fleißig, Fleisch, das ins Gelbliche spielt, alles übrige nicht von lieblichem Colorit, eine Manier, die entfernte Ähnlichkeit mit der Carraccischen hat. In dieser hat nicht nur Cento, sondern auch Bologna manche Proben. Von dieser ging er zur zweiten bessern, beliebteren über. Darin bildete er sich jahrelang nach mehreren Schulen aus, denn er besuchte Bologna oli, war einzige Zeit in Venedig , hielt sich mehrere Jahre in Kom
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mit den besten Carracciisten auf und befreundete sich auch mit Carravaggio. Sein Grundgeschmack ist immer Carravaggisch: Grosse Gegensätze von Licht und Schatten, beide kecklich derb, jedoch durch Verschmelzung sehr gesänftigt, durch Abrundung sehr kunst- reich. Man hat ihn daher den Zauberer der italienischen Maler genannt. Von Carravaggio nahm er auch das Abdunkeln der Umrisse auf und brauchte es beim Geschwindmalen, ebenso die halben Figuren auf einer Ebene; ja, die meisten seiner Geschichts- bilder ordnete er auf diese Weise an. In der Zeichnung jedoch wollte er richtiger und ausgesuchter seyn als Carravaggio, brachte es aber nie zu einer gewissen Zierlichkeit und einem Adel der Züge. Wie trefflich, im besten Venediger Geschmacke, seine Trachten, die Landschaften, die Beiwerke gefärbt sind, beweiset seine Heil. Petronilla, ehemals im Quirinale, jetzt in der Gallerie des Campido- glio zu Rom, oder seine Auferstehung zu Cento, oder seine He- lana, bei den Bettelmönchen zu Venedig, treffliche Gemälde in sei- ner zweiten Manier. In derselben ist gewöhnlich alles, was in Rom ist, auch die grössern Arbeiten, wie der heil. Giov. Chrisogono an der Decke seiner Kirche, oder die Aurora im Landhause Ludovi- si. Diese aber, wie sich selbst, übertraf er in der Domkuppel zu Piacenza, in welcher Stadt er mit Pordenone gewetteifert. Ei- nige Jahre nachher, als er von Rom nach Cento zurückgekehrt war, und nun Guido Reni’s Lieblichkeit so beliebt sah, machte er sich vor, ihm nachzueifern und malte heiter und offener. Dazu verlieh er den Köpfen etwas mehr Anmuth und Mannigfaltigkeit, ja einen so vorzüglichen Ausdruck, dass er in mehreren Werken aus dieser Zeit zum Erstaunen ist. Einige setzen diesen seinen Stylwechsel in die Zeit, wo Guido starb und Quercino sah, dass er nun der erste in Bologna seyn könne, Cento also verliess und sich in dieser Stadt ansiedelte. Dem widersprechen jedoch mehrere vor Reni’s Tod, gefertigte Werke in der dritten Manier; ja man sagt, Guido habe diesen Wechsel bemerkt und es zu eigenem Lobe gewendet, indem er sagte, er halte sich möglichst fern von Guercino’s Styl, dieser dem seinen möglichst nahe. In diesem, mit Beischmack des früheren jedoch, ist in Bologna die Beschneidung ‚unsers Herrn in der Jesu- und Marienkirche, die Verlobung U. ‚ L. F. zu S. Paterniano in Fano, die heil. Palagia in Ancona, die Verkündigung in Forli, der verlorene Sohn im k. Palaste zu Tu- rin, ganze Figuren; in vielen Sammlungen halbe. Das vorzüglichste Bild in Guercino’s dritter Manier aber ist die Verstossung der Ha- gar in der Mailänder Gallerie, gestochen von Strange, und in neueren Tagen von Jesi, / A I . £;
So sehr auch diese dritte Manier gefällt, so wünschen Kenner doch, Guercino hätte die rüstige zweite, für welche er geboren und worin er einzig in der Welt war, nicht aufgegeben.
- und IM 112. d. Ausg. ‚
Guercino’s Styl schwankt demnach zwischen dem der Carracci und des Carravaggio und daher zwischen abstrakter und gewisser- massen conventioneller Idealität und gemeiner Wirklichkeit. Er ist einem im Nackten, wie in den Gewändern, ungeachtet er grosse Massen zeigt, und Ausdruck geistiger Grösse in körperlicher Form darf man bei ihm noch weit weniger, als beim H. Carracci suchen. Bedeutung und Ausdruck des Gemüthes und der Denkkraft kann bei ihm ebenfalls nur sehr wenig in Betracht gezogen werden; da sein Bestreben fast allein auf das Äussere und Materielle der Kunst gerichtet ist. Dabei sind seine Köpfe nicht ohne individuelle Ver- chiedenheit. Die Gesichtsbildungen der Frauen erinnern öfter an sche, aber gewöhnliche Bauerndirnen, die bärtigen Alten aber
Barbieri, Giov. Francesco.
mehr an Bettler als an Apostel und andere Naturen, die sie dar- stellen sollen. Er kleidete seine Figuren nicht selten in die zu seiner Zeit übliche Tracht, aber ohne dieselbe in charakteristischer Schön- heit aufzufassen. Dagegen zeigte dieser Künstler vorzügliche Fer- tigkeit im Technischen. Er verstand die Formen vorzüglich zu modelliren und zu runden, und führte den Pinsel mit ungemeiner Meisterschaft. Auch ist seine Zeichnung, zwar nicht in Hinsicht der Schönheit, aber doch von Seiten der Gründlichkeit und Rich- tigkeit, befriedigend. Dessgleichen ist seinen männlichen Gestalten, bei gänzlichem Mangel an Grazie, etwas Kräftiges im Charakter nicht abzusprechen, das wohl gewöhnlich mit jener mag verwech- selt worden sein, indem man nicht ermangelt hat, auch diesem Künstler einen großen Styl zuzuschreiben. Neueste Besch. Roms von Bunsen ete. I. 515. ;
In der Frescomalerei erscheint Guercino, wie alle späteren ita- lienischen Maler, vorzüglicher als in der Ölmalerei. Insbeson- dere verdienen seine Werke in der Villa Ludovisi wegen ihrer ausge- zeichneten, und in Gemälden, auf nasser Kalk fast unbegreiflich scheinenden Kraft der Farbenwirkung bemerkt zu werden. Hier ist die berühmte Aurora, auf ihren Wagen einherfahrend und Blumen streuend, hinter ihr der veraltete ärmere Tithon und die Nacht in einer Höhle, als eine eingeschlafene Frau vorgestellt. Das Ganze ist sinnvoll und kräftig gemalt, aber zu schwer und schwarz und nicht so heiter und lustig, auch nicht so groß, wie Guido’s Aurora.
Im Palazzo Spada zu Rom befand sich Dido auf dem Scheiter- haufen. Das Bild ist sehr berühmt und bewundert worden, un- erachtet es ganz gedankenlos ist. Dido ersticht sich auf dem Schei- terhaufen und um sie her stehen Herren und Damen, als wenn das Allergleichgültigste eben vorginge. Guercino scheint hier bloß Porträtfiguren zusammengestellt zu haben. In der Villa Ludovisi sind auch einige Landschaften von ihm, merkwürdige Anfänge dieser Kunst. In S. Pietro in Vincoli ist die heil. Margaretha mit dem Drachen, ein vortreffliches Altarbild. Im Palazzo Corsini ist das berühmte, viel copierte Ecce homo und Cav. Camuccini besitzt Esther vor Ahasverus, eines der besten Stücke Barbieri’s. In der Gallerie Doria ist ein schlafender Endymion, und derselbe Ge- genstand, vortrefflich gemalt, in der florentinischen Gallerie.
In der Kathedrale zu Ferrara ist ein treffliches Bild des heil. Laurentius. In Bologna der heil. Bruno, der als Kunstbeute nach Paris gebracht wurde, aber jetzt wieder im alten Vaterlande ist. Der Kopf des Heiligen ist von unnennbarem Ausdruck, sein Geist ganz in der seligen Beschauung verloren. Vorzüglich wird das Eigenthümliche der Töne des weissen Ordenskleides bewundert. Dieses Bild verdankt sein Daseyn dem Umstande, dass Guido über der Ausführung dieses Gegenstandes für die Carthäuser starb und darum sein Werk unvollendet zurückließ. Die Mönche wünschten die Vollendung des Bildes und trugen sie dem Guercino auf. Die- ser riet ihnen aber Guido Reni’s Arbeit als Skizze zu bewahren, da es unmöglich wäre, sie würdig genug auszuführen, und ver- sprach ihnen dagegen eine neue Darstellung des heil. Bruno zu verfertigen.
Im Museo zu Neapel ist eine Magdalena von reicher Fleischfülle.
In der Kirche S. Paul zu Lyon ist ein schönes Bild der heil. Jungfrau mit dem Kinde. In der Gallerie Beaumont zu Turin der verschwenderische Sohn, in Guercino’s dritter Magier; daselbst findet sich auch Einiges in den Kirchen. In Spanien befindet sich
ein büssender Hieronymus, der Fall St. Pauls, Christus mit dem
Kreuz und dem Cyrenäer. In der Eremitage zu St. Petersburg sind
Bilder von Barbieri, darunter Maria mit dem Kinde unter einem
Bause sitzend, ein Bild von ungemeiner Zartheit und Lieblichkeit;
nicht geringer ist eine Madonna mit dem auf einem Tische stehen-
den Kinde; Christus von seinen Jüngern umgeben in einer mit
Bäumen bepflanzten Landschaft, ähnlich den beiden Bildern, die
Pasqualini gestochen hat.
Auch in deutschen Gallerien finden sich Werke von Guercino,
namentlich in der k. k. Sammlung zu Wien. Fürst Esterhazy be-
sitzt eine heil. Familie mit lebensgroßen Figuren, ein Gemälde
von schöner Harmonie; die gräßlich Thurn’sche Gallerie eine Ma-
donna mit dem Kinde. Im Museum zu Herrmannstadt der heil.
Hieronymus, halbe Figur; ein vorzügliches Gemälde,
Schöne Bilder von diesem Künstler befinden sich ebenfalls in
der k. Gallerie zu München: eine Krönung Christi, Halbfigur in
Lebensgröße. Dieses Bild ist nach Einigen ein Guido Reni. Der
heil. Hieronymus im Begriffe zu schreiben; ein Salvator in seiner
Jugend, Brustbild; die heil. Jungfrau mit dem Kinde. In der
herzoglich Leuchtenbergischen Gallerie bewahrt man von ihm das
lebensgroße Bildnis eines Rechtsgelehrten; den heil. Hieronymus,
der vor dem Posaunen-Schall eines Engels erschrickt, die Ehe-
brecherin vor Christus, lebensgroß; Kniestück. Dresden besitzt
15 Stücke; Den Tod der Clorinde, den beweinten Adonis, die ster-
bende Procris, Loth mit den Töchtern u. s. w.
Das Verzeichnis sämmtlicher Gemälde dieses Künstlers würde
große Spalten füllen: er malte 106 Altarbilder und 144 grosse Ge-
mälde für Fürsten und ausgezeichnete Personen, ohne die unend-
lich vielen für Privatleute zu rechnen, Madonnen, Bildnisse, halbe
Figuren, kleine Landschaften, worin er auch durch das kühn Hight-
Wortförmlich höchst. eigenthümlich ist. Daher ist er in Gemäldesamm-
lungen gar nicht selten.
Bartsch p. gr. XVIII. 361 führt zwei geätzte Bl. von Guercino an:
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